Schließlich ist Krieg. Irgendwo auf den Schlachtfeldern liegt der Held der Geschichte, "das Gesicht im kühlen Kot", dann taumelt er doch noch hinkend weiter, bis seine Spur sich verliert. "Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung kommt er uns aus den Augen." Der Weg von Hans Castorp endet gesichtslos und irgendwo, kein Erinnerungsort bleibt zurück, dafür ein Roman, Thomas Manns Zauberberg. Und die Geschichte jenes Hamburger Bürgersohns Hans Castorp ist nicht mal seinethalben erzählt worden, sondern um ihrer selbst willen, wie der Erzähler des Romans nicht verpasst, seinem Helden noch nachzurufen: "Denn du warst simpel." Simpel: Das ist diese Kunst jedenfalls nicht, die mit Orten und Biografien, mit den üblichen Vorstellungen von Raum und Zeit umspringt, wie sie will. So hat sie die morbide Endzeit der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg bis zur Kenntlichkeit umgewandelt und das bürgerliche Individuum Castorp im Massensterben unkenntlich werden lassen. "Deine Geschichte ist aus."

Jetzt hat die Stadt Davos in der Schweiz zum Gedenken an Thomas Mann und seinen Zauberberg, der zwischen 1913 und 1924 entstand, einen Spazierweg eröffnet, auf dem die Geschichte weitergeht. Genau 2,6 Kilometer lang kann man dort auf den Spuren des Autors und des Romans wandeln, an lauter Erinnerungsorten entlang, von Tafeln sicher geleitet, vom Waldsanatorium bis zur Schatzalp. Denn 1912 besuchte Thomas Mann seine Frau Katia, die sich monatelang in Davos im Sanatorium aufhielt. Von diesen Besuchen ließ er sich inspirieren, seinen Zauberberg als ein "humoristisches Gegenstück" zum Tod in Venedig zu verfassen, und jetzt also kann es mit der Inspiration weitergehen. "Kulturinteressierte", heißt es in der "Medienmitteilung des Kleinen Landrates" der Landschaft Davos Gemeinde, "können sich nun vom Thomas-Mann-Weg inspirieren lassen."

Den Dichter durch diesen Spazierweg zu ehren ist nur allzu verständlich, denn Davos ist durch den Zauberberg ein Ort der Weltliteratur geworden, mit allen kommerziellen Nebenwirkungen, die das bedeutet. Und auch dem Dichter auf diesem Wege ein Stückchen folgen zu wollen ist nichts als verständlich, denn welcher Ehrliche würde bestreiten, dass er wandernd gern selbst nachsähe, von wo aus die Leute im Sanatorium Schatzalp "im Winter ihre Leichen per Bobschlitten herunterbefördern, weil dann die Wege nicht fahrbar sind" (Informationstafel Nr. 8)?

Natürlich, Thomas Manns Technik macht es ja vor, sind Orte geeignet, als Anreger der Erinnerung, des Ärgers, der Hoffnung und des Möglichkeitssinns tätig zu werden, und also bräche man sehr gern auf nach Davos, dorthin, wo Frau Stöhr ("Ich bin so schlaff!") schon beim Aufstehen 37,3 Grad Temperatur melden konnte, wie die Hausschneiderin ja auch, die dabei allerdings über innerliche Spannung und Rastlosigkeit klagte. Vetter Joachim nicht zu vergessen, der wegen fortgesetzten Fiebermessens oft mit dem Thermometer im Mund sprechen musste.

Nur lässt einen das Ende des Wegs von Hans Castorp doch etwas zögern, sich umgehend auf seine Spur zu begeben. Fast alles erfunden, gewiss, fast alles Kunst. Das bürgerliche Individuum ist wieder wohlauf. Das bisschen Temperatur!