Der Kampf beginnt wenige Tage nach der Empfängnis, wenn sich der Embryo der Gebärmutterschleimhaut nähert, um sich einzunisten. Keine anheimelnde Umgebung erwartet ihn, sondern das mütterliche Immunsystem. Um sich einen Platz zum Heranwachsen zu erobern, muss er Angriffe der Killerzellen unterlaufen. Danach gilt es, möglichst viele Nährstoffe zu erbeuten, gegen den Widerstand des mütterlichen Körpers. Die Frau will ihre Ressourcen schonen, das Ungeborene will seine Überlebenschancen erhöhen. Neun Monate dauert der Schlagabtausch; nur wenn er unentschieden ausgeht, kommen Mutter und Kind heil davon. Der Krieg im Mutterleib könnte gar der Hauptgrund dafür sein, dass weltweit jedes Jahr zehn Millionen Frauen während der Schwangerschaft erkranken.

Der Biologe David Haig von der Harvard University vertritt diese These, vor allem bezüglich der gefürchteten Präeklampsie, auch »Schwangerschaftsvergiftung« genannt. Sechs von hundert Schwangeren leiden unter dieser Bluthochdruckerkrankung. Sie kündigt sich mit Kopfschmerzen und Wassereinlagerungen an, der Blutdruck steigt. Wird nichts getan, versagen die Nieren, die Leber, schließlich weitere Organe. Oder es kommt zu einem Krampfanfall, der ebenfalls tödlich enden kann. Frauenärzte stehen der Präeklampsie recht hilflos gegenüber. »Bisher können wir Bluthochdruckerkrankungen in der Schwangerschaft nicht heilen«, sagt Thorsten Fischer von der TU München, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Schwangerschaftshochdruckerkrankungen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. »Wir können nur versuchen, den Verlauf zu bremsen, um eine Frühgeburt zu vermeiden.«

Der Fötus kämpft um Nährstoffe, der Blutdruck der Mutter steigt

Für Haig ist die Präeklampsie nichts anderes als eine extreme Ausprägung einer Strategie, die alle Ungeborenen anwenden: »Der Fötus erhöht den Blutdruck der Mutter, um mehr Blut in die Plazenta zu schaffen. Dazu schwemmt er bestimmte Stoffe in den mütterlichen Kreislauf.« Im Blut von Müttern mit Präeklampsie fanden Forscher um Ananth Karumanchi von der Harvard Medical School eine hohe Konzentration des Proteins »lösliche FMS-ähnliche Tyrosinkinase«. Es wird vom Kind produziert und behindert die Reparatur kleiner Blutgefäße im mütterlichen Kreislauf. Die Folge: Der Blutdruck erhöht sich, der Fötus bekommt mehr Nährstoffe – der Mutter dagegen geht es zusehends schlechter. Schon zwei bis drei Monate vor einer Präeklampsie ist die Konzentration des Proteins im Blut von Schwangeren stark erhöht, hat das Team von Karumanchi festgestellt. Möglicherweise kann man das Eiweiß als Marker nutzen, um gefährdete Frauen früher zu erkennen und rechtzeitig gegen den zerstörerischen Prozess anzusteuern.

Einen weiteren Vorboten der Krankheit fand der Gynäkologe Walter Holzgreve von der Universität Basel. Er stellte fest, dass sich im Blut von Schwangeren, die später an Präeklampsie erkranken, fötales Erbgut in ungewöhnlich hoher Konzentration befindet. Die genaue Ursache dafür ist nicht bekannt, die Forscher nehmen jedoch an, dass sich schon in den ersten Tagen der Schwangerschaft ein Leck in der Plazenta bildet, durch das fötale Zellen in das mütterliche Gefäßsystem eindringen können. »Auch das kann man als Angriff des Fötus werten«, sagt der Perinatalmediziner Thorsten Fischer.

Der Schwangerschaftsdiabetes könnte ebenfalls ein Kollateralschaden des Kampfes zwischen Ungeborenem und Mutter sein. Die Plazenta, ein embryonales Gewebe, sondert Hormone ab, die den mütterlichen Stoffwechsel zugunsten des Fötus manipulieren. So senkt das Plazenta-Lactogen die Empfindlichkeit für Insulin. Deshalb bleibt der Blutzuckerspiegel der Mutter nach einer Mahlzeit länger erhöht, und das Ungeborene bekommt mehr Nährstoffe. Der Frau dagegen schadet die Überzuckerung.

Klicken Sie bitte auf das Bild, um die Grafik zu öffnen BILD Werdende Mütter sind den Attacken ihrer aggressiven Ungeborenen aber nicht hilflos ausgeliefert, sie verteidigen sich vehement – auf genetischer Ebene. Das Kind bekommt jedes Gen doppelt: Eine Kopie stammt aus der Samenzelle des Vaters, eine aus der Eizelle der Mutter. Doch bei manchen Genen wird nur eine Version von der kindlichen Körperzelle tatsächlich verwendet, die andere wird stillgelegt. Bei den meisten Genen macht es keinen großen Unterschied, ob die väterliche oder die mütterliche Kopie abgelesen wird. Doch bei etwa 70 Erbanlagen ist die Herkunft von entscheidender Bedeutung, sagt Haig: »Die Proteine, die aus der mütterlichen Kopie entstehen, verfolgen ganz andere Absichten als die aus einer väterlichen Kopie.« Aus den Genen der Mutter entstünden Stoffe, die deren eigenem Überleben dienten, aus väterlichen Genen dagegen Substanzen, die den Fötus bei der Nahrungsbeschaffung unterstützten.