Ich war am Meer. Die Fahrt zum Meer dauerte eine ganze Weile. Auf dem Rastplatz war die Schlange vor dem Herren-WC 20 Meter lang. Die Wohnung, ebenfalls 20 Meter vom Meer entfernt, hatte ich im Internet gebucht. Der Typ, der sie vermietete, war, als ich ihn anrief, mit dem Auto unterwegs. Im Hintergrund hörte ich dröhnende Motoren und lachende Frauen. Als ich am Meer ankam, sah ich, dass an dem Haus ein Schild befestigt war, das im Internet unsichtbar gewesen ist. Auf dem Schild stand: "Night Club Eva. The real thing for the real gentleman". Daneben war das Foto einer Nackten zu besichtigen. Sie lachte. Neben dem Haus befand sich eine Art Scheune. Dort stand auf einem Schild: "Texas. Jeden Abend Lifemusik".

Ich klingelte. Es war niemand zu Hause. Ich wählte die Handynummer des Hausverwalters, die der Typ im Auto mir gegeben hatte. Der Verwalter war in der Nachbarstadt. "Sie wollten gestern schon kommen", sagte er. "Die Ferienwohnung habe ich anderweitig vermietet." Ich hatte eine Buchungsbestätigung. Der Verwalter sagte: "Shit happens." Er habe in dem Haus noch eine andere Wohnung und fahre sofort los. Er kam aber erst zwei Stunden später an, weil in der relativ kleinen Nachbarstadt gerade Christopher Street Day herrschte und Stau. Mit dem Christopher Street Day ist es wie mit Ikea, nach und nach werden auch in den kleineren Städten Filialen aufgemacht. Der Verwalter zeichnete sich durch Muskelgebirge aus und eine verspiegelte Sonnenbrille. Er war deutlich jünger als ich, sagte aber "junger Mann" zu mir. Inzwischen mag ich das fast. Er sagte: "Junger Mann, die andere Wohnung ist super. Bloß noch nicht ganz fertig." Es gab fast keine Möbel, unter anderem kein Bett, aber ein Sofa. Ansonsten war die Wohnung wirklich super. Abgesehen von dieser einen Wohnung, ist am Meer sowieso immer alles ausgebucht. Ich habe meine Lebensmittel in den Kühlschrank geräumt. Dabei hörte ich an der Wohnungstür Schließgeräusche. Ein zirka sechzigjähriger Mann mit Rastalocken trat ein, begleitet von einer Thailänderin im Bikini. Er sagte: "Du, die Küche nutzen wir mit, der Roy hat uns das erlaubt." Ich weiß bis heute nicht, wer Roy ist. Der Mann mit den Rastalocken holte eine Pfanne aus dem Schrank und gab sie wortlos der Thailänderin, sie begann auch sofort, thailändisch zu kochen.

Ich verließ die Wohnung und streifte durch die Stadt am Meer. Dabei stolperte ich über eine Bodenplatte. Ein Rentner sah, wie ich stolperte, und rief: "Augen auf beim Gehen!" Das hat mich richtiggehend aggressiv gemacht, fast wäre ich dem Rentner an die Gurgel gesprungen. So entsteht Gewalt. Die Band im Texas hat bis Mitternacht gespielt. Countrymusik ist nicht mein Ding. Sexualität hingegen befürworte ich. Ohne Sexualität kann es weder eine Gesellschaft noch einen Staat oder Literatur geben, nicht einmal Religion. Die Geräusche, die dabei entstehen, mag ich aber auf die Dauer genauso wenig hören wie Countrymusik. Es ist jedoch interessanterweise so, dass man auch von der Sexualität irgendwann genug hat, im Night Club Eva war dies gegen vier Uhr der Fall. Meine Wohnung lag schön zu einem Garten hin. Das Team des Nachtklubs kam in den Garten, auch der Rastalockenträger, der Verwalter und die Thailänderin waren dabei. Sie fingen an zu grillen. Ich habe vor der Wohnung unter einem Licht gesessen und wieder einmal Ein fliehendes Pferd von Martin Walser gelesen. Der Verwalter sagte: "Junger Mann, haste Lust, mitzugrillen?" So also ist es am Meer.

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