Allerdings sind die alten Seeotterbestände noch längst nicht wieder erreicht. Und die putzigen Großmarder, die sich gern in Kelpwedel einwickeln und an der Wasseroberfläche schaukelnd ein Nickerchen halten, haben einen neuen Feind: Schwert- oder Killerwale. Diese jagen normalerweise Robben. Warum sie nun die Otter dezimieren, ist unklar. Es wird vermutet, intensiver Fischfang habe die Nahrungsbasis der Robben und damit deren Bestände reduziert. Vielleicht haben die Schwertwale auch nur ihren Speisezettel erweitert – um knackfrische Marder im Tangwickel.

"Wir sind noch weit davon entfernt, die komplexen Auswirkungen der industriellen Fischerei auf die marine Megafauna und das gesamte Ökosystem zu verstehen", sagt Smetacek. Ähnlich große Verständnislücken gibt es auch bei der Funktionsweise der biologischen Riesenpumpe, die CO₂ in Algen bindet. Dennoch existieren längst Pläne, diese Pumpe zu beschleunigen, durch Düngen des Meeres, ähnlich wie es die Wale tun. Obwohl die meisten Länder es kürzlich in der Londoner Konvention geächtet haben, möchten Firmen das Meer kommerziell mit Eisen düngen, um CO₂ zu versenken. Sie wittern kräftige Gewinne, Milliardenbeträge werden in Form von CO₂-Zertifikaten gehandelt. "Solche Geschäftemacherei ist unverantwortlich. Denn derzeit weiß niemand, wie viel CO₂ pro eingesetztem Eisen tatsächlich langfristig aus der Atmosphäre verschwindet", warnt Smetacek. Entstünden etwa die erzeugten Algen in einem Wal-Krillgarten, könnte kaum organisches Material und darin gebundenes CO₂ zum Meeresboden sinken – Recycling hielte fast alles oben. Vielerorts läuft die biologische Meerespumpe jedoch sehr wohl, etwa indem Algen verklumpen, abgestorbenes Material und Kot zu Boden sinken.

Den Weg künstlicher Klimaregulierung hatte 1988 John Martin, Direktor des angesehenen Moss Landing Marine Laboratory, so postuliert: "Gebt mir einen Tanker halb voll mit Eisen, und ich besorge euch eine neue Eiszeit." Seither hat ein Dutzend Experimente mit künstlicher Eisendüngung ergeben, dass tatsächlich großflächiges Algenwachstum folgt. Winzige Eisenmengen genügen schon. Satellitenbilder belegen, dass Sandstürme aus der Sahara und anderen Wüsten blaues, lebloses Meer ergrünen lassen, wenn herangewehter Feinstaub herabrieselt. Wüstenstaub lässt Meereswüsten erblühen – dank Eisen.

Doch wie viel von den Algen gefressen wird oder in der Tiefe versinkt, ist noch unerforscht. Bei den Düngungsexperimenten reichten die Beobachtungszeiten und -möglichkeiten hierzu nicht aus. Victor Smetacek will das ändern. Er hat für das nächste Jahr eine Expedition mit dem deutschen Forschungsschiff Polarstern und starker Unterstützung indischer Forscher geplant, um genau zu verfolgen, wie viel Biomasse und CO₂ nach künstlicher Eisendüngung zum Boden absinken. Und er will wissen, wie der Krill mit künstlichem Algenangebot umgeht. Die Kleinkrebse sind nämlich wahre Fressmaschinchen: Sie spucken und scheiden viel mehr Material wieder aus, als sie selbst verwerten können. Ihren gehäckselten Biokompost zerlegen Myriaden von Mikroben und Kleinstorganismen weiter. Wichtige Düngerstoffe bleiben so in der Schwebe und sacken nicht ab.

Die Kotpillen der Planktonfresser sind gut für den Klimaschutz

Bei Tageslicht versteckt sich der Krill vor Räubern in der Dunkelheit der Tiefe. Was dort ausgeschieden wird, geht dem Düngerkreislauf verloren. Vermutlich hatten die großen Walherden dies unterbunden, denn die Riesensäuger sind auch in der Finsternis sehr effektive Jäger. Häufige Attacken scheuchen die Krebse zur Oberfläche, jede Flucht nach unten wird zu sinnloser Energieverschwendung. Das Ergebnis: Wer oben Plankton frisst und düngt, gedeiht besser als die Tiefenflüchtlinge.

Offenbar kommt der Düngerkreislauf ohne Wale ins Stottern. Die Krillweide wird magerer. Weniger Fressen, weniger Dünger, schlechteres Recycling. Ungefressene Algen- und Planktonteile können absinken, das entzieht dem Kreislauf Nährstoffe. Schwächelt der Krill und verputzt nicht alles, bekommen Konkurrenten eine Chance. Beispielsweise Salpen, kleine tonnenförmige Manteltiere, die ebenfalls Plankton fressen. Der Salpenbestand im Südpolarmeer hat zugenommen. Die Manteltiere produzieren Kotpillen, die rasch sinken. Schlecht für Krill und Wale, gut für die biologische Pumpe und den Klimaschutz!