In diesem besonderen amerikanischen Wahlkampf mit all seinem Streben nach Wandel und Hoffnung existiert gleichzeitig eine Schattenseite, über die selten gesprochen wird: die Angst vor der einen Kugel, die alle Träume zerstören könnte. So sehr 2008 vielen Amerikanern als das Jahr des politischen Optimismus erscheint, so präsent ist gerade jetzt die Erinnerung an die zwei großen politischen Morde des Jahres 1968. Vor genau vierzig Jahren fielen der demokratische Präsidentschaftskandidat Robert »Bobby« Kennedy und der schwarze Friedensnobelpreisträger Martin Luther King Attentaten zum Opfer. Wenn jetzt Amerikaner das Gefühl eines latenten Unbehagens begleitet, dann nicht trotz, sondern wegen Barack Obamas erfolgreicher Wahlkampagne.

Weil die Hoffnungen so hoch greifen, sitzt die Furcht tief, dass einmal mehr Gewalt den Lauf der amerikanischen Geschichte brutal verändern könnte. 59 Prozent der US-Bürger – und 83 Prozent der Afroamerikaner – glauben, es sei wahrscheinlich, dass Obama im Laufe des Jahres Ziel eines wie auch immer gearteten Anschlags sein könnte. Erst in der vergangenen Woche war erneut ein Mann festgenommen worden, der gedroht hatte, Obama zu töten. Gleichzeitig schwang sich ein Mitglied des rassistischen Ku-Klux-Klan zu der Prophezeiung auf, ein Präsident Obama werde unweigerlich durch die Hände eines weißen Südstaatlers sterben müssen.

Meistens sind entsprechende Befürchtungen unter der Oberfläche der politischen Öffentlichkeit geblieben. Sie brechen sich Bahn in privaten Wohnzimmergesprächen und in den dunklen Ecken des Internets (die Formulierung »obama assassination«, also Mordanschlag, produziert auf Google eine beträchtliche Zahl von Treffern). Einige Male allerdings drang das Thema aus der Flüstersphäre ins Offene. Im Mai dieses Jahres etwa antwortete Hillary Clinton, Obamas Mitbewerberin um die demokratische Präsidentschaftskandidatur, auf die Frage, warum sie im Rennen bleibe, obwohl ihr Konkurrent bereits nahezu uneinholbar vorne lag: »Wir alle können uns daran erinnern, dass Robert Kennedy im Juni ermordet wurde.«

Clintons Antwort war in Wahrheit weniger interessant als die Reaktionen auf sie. Das Land war sich rasch einig in der Verurteilung ihres Vergleichs, zugleich trat aber auch zutage, warum die Attentate von einst bis heute solche Macht ausüben auf Amerikas kollektive Psyche. Der Fernsehkommentator Keith Olbermann brachte es mit einer fast beschwörenden Rede auf den Punkt, in der er sich via Bildschirm an Hillary Clinton direkt wandte: »Sie haben es tatsächlich gewagt, den Albtraum des politischen Meuchelmordes heraufzubeschwören. Sie haben tatsächlich gewagt, das Schreckgespenst eines Mannes heraufzubeschwören, der im Augenblick des größten Triumphs für sich selbst und seine Nation auf ewig zum Schweigen gebracht wird.«

Oldermann zufolge war Clintons Äußerung nicht so sehr verachtenswert, »weil sie grob und gefühllos und brutal« war, sondern vielmehr, weil der politische Mord »die größte Schande dieser Nation« ist. Die USA sind offenbar bereit, sich einzugestehen, dass ein Anschlag auf Obama vorstellbar ist, doch die öffentliche Rede darüber löst eine tiefe Beschämung aus. Amerika ist beschämt ob des Gefühls, nichts unternehmen zu können, um die Gefahr sicher auszuschließen.

Natürlich gibt es nüchterne Stimmen wie zum Beispiel den ehemaligen demokratischen Präsidentschaftsbewerber Gary Hart, der neulich feststellte, »dass einige Kandidaten größere Ziele sind als andere«. Auch Obama selbst reagiert lakonisch, wenn er nach dieser Art von Gefahr für seine Kandidatur gefragt wird. »Ich habe den besten Schutz der Welt«, sagte er etwa einmal, »macht euch keine Sorgen.«

Seine ersten Bodyguards musste der schwarze Kandidat sich selbst beschaffen