Wen es auf die Bühne und in große Rollen drängt, der nimmt Schauspielunterricht. Wer aus der Freude am Gesang oder am Flötenspiel einen Beruf machen will, geht auf die Musikhochschule. Wer sich das Inszenieren zutraut, bewirbt sich an einer Regieschule.

Was den reproduzierenden Künstlern selbstverständlich ist, gilt ebenso für die Kreativen, für die Kunsterfinder: Auch junge Komponisten, bildende Künstler und Filmemacher suchen sich Lehrer und entsprechende Institutionen. Und kaum einer wird den Sinn dieser Entscheidung bezweifeln wollen, kaum einer wird den Lernwilligen mit skeptischen Warnungen entgegentreten: Lasst es lieber sein… Vielleicht behindert es eher, als es hilft … Im Grunde ist das Metier nicht erlernbar…

Wer aber Schriftsteller werden will, in unserem Fall: Bühnenschriftsteller, und beim Studiengang Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste anklopft, sollte sich frühzeitig gegen derartige Zweifel wappnen. Denn der Frage »Kann man Schreiben lernen?« wird er nicht entgehen. Anfangs, in den neunziger Jahren, nach der Gründung des Studiengangs, so erinnert sich der Leiter Jürgen Hofmann, hat man sie sogar täglich zu hören bekommen – oft auch von Künstlern anderer Sparten. Erst als die Erfolge gar nicht mehr zu übersehen waren, wurden die Bedenkenträger stiller. Tatsächlich lesen sich die Immatrikulationsverzeichnisse der Berliner Schule fast wie ein Who’s who der deutschen Gegenwartsdramatik – mit Namen wie Dea Loher, Thomas Oberender, Marius von Mayenburg, David Gieselmann und Katharina Schlender über Bernhard Studlar und Andreas Sauter bis hin zu Rebekka Kricheldorf, Anja Hilling, Thomas Freyer, Darja Stocker, Johanna Kaptein oder Dirk Laucke.

Begabung, Schreiblust, Schreibzwang werden vorausgesetzt

Dass der Studiengang, der zur Fakultät Darstellende Kunst gehört, von Anfang an »Erfolgslisten« herausgab, in denen für alle Jahrgänge die Uraufführungen, Preise, Stipendien, Stückaufträge penibel vermerkt sind, ist bezeichnend. So habe man, sagt Hofmann, hochschulintern die ohnehin nicht üppige Finanzierung absichern und gefährliche Sparszenarien abwehren können. Doch ging es dabei wohl immer auch um mehr, ums Ganze: um die Legitimation des Fachs.

Denn die Vorbehalte sind ja keineswegs aus der Welt. Marius von Mayenburg, inzwischen Hausautor und Dramaturg an der Berliner Schaubühne, registriert noch heute in der deutschen Publizistik »ein starkes Misstrauen« gegen die Dramatikerausbildung: »Die Genies sollen, bitte schön, vom Himmel fallen, so wie das auch schon bei Goethe und Schiller war. Wobei sich gerade an den beiden sehr schön beobachten ließe, wie hilfreich der Austausch und die gegenseitige Anregung sein kann.«

Ganz ähnlich wie Mayenburg sieht es die junge Autorin Anne Habermehl. Sie hat das achtsemestrige Studium soeben abgeschlossen, sieht erwartungsfroh der Uraufführung ihres Stücks Letztes Territorium am Hamburger Thalia Theater entgegen und kann »diese ganze Debatte um die Schreibschulen« überhaupt nicht verstehen: »Natürlich kann man gewisse Dinge lernen, warum nicht? Kunst fällt doch nicht vom Himmel. Über Schauspielschulen beschwert sich ja auch niemand.«