Was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie nicht so früh geheiratet hätte? Das fragten sich später manche, die sich mit ihrer Biografie befassten. Stammte sie doch aus einer wohlhabenden, angesehenen und liberalen Familie, immerhin hatte sich schon eine ihrer Großmütter in Frauenfragen engagiert. Entsprechend fortschrittlich für die damalige Zeit sahen auch die Pläne für die – neben vier Söhnen – einzige und ausgesprochen hübsche Tochter in dem Professorenhaushalt aus: Nach dem Abitur sollte sie Naturwissenschaften studieren, in der Tradition des Vaters. Freilich spürte sie weder für Physik noch für Mathematik "eine besondere Veranlagung", wie sie sagte. Und so begann sie zwar ihr Studium, brach es aber wieder ab, nachdem ihr künftiger Gatte auf den Plan getreten war und sie heftig, geduldig, ja unnachgiebig umwarb.

Er tat das mit dem, was er am besten konnte: Er schrieb. "Wunderbar schöne Briefe, die mir natürlich auch Eindruck machten und die ich nicht ganz so schön beantwortete", wie sie später selbstironisch sagte. Und vielleicht lag es tatsächlich an den Briefen, dass sie ihn erhörte. Als exakt neun Monate nach der Hochzeit das erste Kind zur Welt kam, war damit ihr Lebensweg vorherbestimmt: Sie würde eine sehr erfolgreiche kleine Familienfirma managen, als patent-kluge Frau an seiner Seite.

So wurde sie "seine Vollendung, seine Erlöserin, seine Königin", wie es in einer Biografie heißt – kurz: die Frau, ohne deren fürsorgliche Liebe es sein Werk in dieser Form wohl nie gegeben hätte. Denn er war, wie nicht wenige Künstler, "empfindlich, neigte leicht zu Depressionen", und "seine Gesundheit war nie stabil", wie sie berichtete. Dass er gleichwohl in jeder Lebenslage in Ruhe arbeiten konnte, war ihr Verdienst. Sie richtete, wo auch immer, das Zuhause ein, führte Haushalt und Finanzen und erzog die gemeinsamen Kinder.

Er muss schon früh geahnt haben, dass sie dieses Potenzial in sich trug. Jedenfalls setzte er sich mit seiner Werbekampagne in eigener Sache nicht nur gegen alle Mitbewerber, sondern auch gegen die Skepsis ihrer Eltern durch, die ihr lieber einen Wissenschaftler denn einen Künstler zur Seite gewünscht hätten. Die Mutter bezeichnete ihren Schwiegersohn einmal als "Pimperling, der nicht viel verträgt" – keine schmeichelhafte, aber eine leidlich realistische Einschätzung.

Sie selbst hat sich, soweit bekannt ist, bis auf einmal nie beklagt über ihr Leben. Nur ab und zu gönnte sie sich eine Auszeit und erholte sich während einer Kur in den Bergen. Dann schrieb er ihr wieder seine langen Briefe, sie schrieb zurück – und wurde so auch noch zu seiner Muse. Denn ihre Schilderungen aus dem Kuralltag inspirierten ihn, wie man heute weiß, zu der einen oder anderen literarischen Figur. So wurde sie steinalt, überlebte ihn und dann noch den Großteil der Familie. Wer war’s?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 33:
1883 in Schottland geboren, wurde Alexander S. Neill 1899 "pupil teacher" an der Schule seines Vaters. In Hellerau bei Dresden gründete er 1921 seine erste Schule. 1924 zog er mit ihr in das Anwesen Summerhill bei London, 1927 nach Leiston in Suffolk. Der Verleger Harold Hart stellte 1959 aus Neills Werken einen Bestseller zusammen. Die deutsche Übersetzung erschien im Dezember 1969 unter dem von Neill ungeliebten Titel "Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung". 1973 starb Neill, neben sich ein Werk des "Peter Pan"-Autors J. M. Barrie