Das Blättern in den alten Ausgaben der Zeitschrift Revue, im Archiv des Hamburger Bauer-Verlags in braunen Lederbänden abgelegt, macht rasch gute Laune. Zum Beispiel der Jahrgang 1955: Eine Biografie Konrad Adenauers erscheint im Vorabdruck. Einer der umstrittensten und brillantesten Autoren der Zeit, Hans Habe mit Namen, veröffentlicht in unzähligen Folgen seinen neuen Roman über die Besatzungszeit. Der Kabarettist Oliver Hassencamp ruft in seinem Editorial zum Optimismus auf, der später so berühmt gewordene Stefan Moses steht als fester Fotograf im Impressum, der Journalist Will Tremper schreibt die Kriminalreportage Es geschah in der Silvesternacht. Große Lebensgeschichten von Grace Kelly oder Albert Schweitzer werden eingerahmt von Anzeigen – Lippenstift, das Waschmittel Rei (in der Tube!). Und irgendwo dazwischen ein zarter Leserbrief aus Venezuela. Ein Arturo Mateus schreibt, er möchte so gerne ein "deutsches Mädel" kennenlernen, ob die Revue da nicht helfen könne.

Heute würde man sagen: Ein spannendes Blatt, diese Revue , mit sehr eigener Optik, mit interessanten Autoren, denen man nicht nur in ihren Romanen anmerkt, dass sie sehr von amerikanischen Vorbildern geprägt sind. Ihre Texte ähneln ein bisschen dem späteren new journalism. Die Revue der fünfziger und sechziger Jahre war verliebt in Geschichten und in die Überzeugung, das Lebensgefühl der Menschen zu treffen. Und die Illustriertenmacher hatten die Begabung, zukunftsfähige Mitarbeiter anzuwerben. Oswalt Kolle, Deutschlands großer Aufklärer, war einer von ihnen. Ein unbekannter Frankfurter Zoodirektor ein anderer. Bernhard Grzimek hieß er.

In ihren besten Zeiten verkaufte sich die Revue Woche für Woche mehr als eine Million Mal, es waren sozusagen die himmlischen Jahrzehnte für Illustrierte. Die Quick gehörte dazu, ebenfalls mit Millionenauflage, neben der Bunten aus dem Hause Burda in Offenburg. Und natürlich der stern mit Chef Henri Nannen, immer die Nummer eins, aber scharf gejagt von Quick und Revue. Auch der Springer Verlag hatte ein Magazin, Kristall, ursprünglich 1946 gegründet von den Journalisten Axel Eggebrecht und Peter von Zahn im Auftrag des Nordwestdeutschen Rundfunks. Belehren und unterhalten sollte Kristall , das klassische Programm, das Blatt erreichte eine Auflage von einer halben Million.

1960 holte Springer die beiden ehemaligen SS-Offiziere und Mitarbeiter der Propagandaabteilung des NS-Außenministeriums, Horst Mahnke und Paul Karl Schmidt, vom Spiegel zu Kristall. Schmidt, in jenen Jahren auch gelegentlich ZEIT- Autor, schrieb unter dem Pseudonym Paul Carell zwei Serien (Unternehmen Barbarossa und Verbrannte Erde) über den Krieg im Osten, über heroische Generäle und tapfere Landser. Die Fotobücher, die daraus entstanden, wurden Bestseller – flotte Geschichtsklitterung im Wochenschau- Ton, die noch bis in die achtziger Jahre hinein nachwirken sollte.

Erst ein Schluck aus der Schnapsflasche, dann zückt er das Scheckbuch

Die blühenden Jahre vergingen. Kristall wurde als erstes Blatt eingestellt, im Jahr 1966. 1992 war die Quick dran, und jetzt, vor wenigen Tagen, erschien zum letzten Mal die Revue des Hamburger Bauer-Verlags. Es wird gerne gesagt, die Zeit der bunten Magazine sei eben längst vorbei. Doch der stern feiert gerade seinen 60. Geburtstag und ist somit der lebendige Gegenbeweis dieser These. Der stern mit seinem Verlag Gruner+Jahr hat über all die Jahrzehnte in Qualität investiert, bis heute, und ist damit journalistisch wie wirtschaftlich erfolgreich geblieben. Die Revue dagegen, zwischendurch hieß sie auch mal Neue Revue , musste vor ihrem endgültigen Ableben über die Jahre die grausigsten Veränderungen ertragen. Dieses Blatt taugt durchaus als Lehrstück: wie das journalistische Ansehen vernichtet wird mit dem ewigen Hinweis, man müsse sich eben an die Lesebedürfnisse anpassen und noch mehr an die Gesetze des Zeitgeistes und der Ökonomie. Immer und immer wieder hat man das getan, am Ende wurde das Magazin, das außer einem Gähnen nichts mehr erregte, selbst eingeschläfert. Fast unbemerkt übrigens, denn Leser gab es kaum noch, Anzeigen auch nicht.

Begonnen hatte alles mit dem Berliner Helmut Kindler, Jahrgang 1912, der als junger Theatermann während des "Dritten Reichs" mehr als eineinhalb Jahre in der Gestapohaft verschwunden war. Nach dem Ende des Krieges erhielt er von den Amerikanern die Lizenz zu einem Verlag, zunächst für eine "Wochenzeitung für Frauenrecht und Menschenrecht" mit dem Titel Sie. Einige Monate später bekam Kindler auch die Genehmigung für eine Kunstzeitschrift, er gab ihr den Namen Revue. Stets und gern wies er darauf hin, dass ein guter Verleger Geld verdienen muss. So erkannte er rasch: Mit einer Kunstzeitschrift geht das nicht, und verwandelte, von Berlin nach München umgezogen, die Revue in eine aktuelle Wochenzeitschrift.