In seinen Memoiren Zum Abschied ein Fest beschreibt Kindler 1991, wie er verzweifelt nach einem Geldgeber suchte, der die weit höheren Kosten einer Wochenillustrierten mitfinanzierte. Seine Ehefrau hatte ihn eines Tages auf die Idee gebracht, sein Glück bei dem Spekulanten Gustav Schiermeyer zu versuchen. "Fassungslos sah ich sie an. Wir kannten Dr. Schiermeyer schließlich nur vom Wegsehen. In Berlin hatten wir zweimal ein Restaurant verlassen, weil uns ein Mann die Laune verdarb. Er war offensichtlich Gastgeber einer höchst fragwürdigen Männergesellschaft, die ihm in peinlicher Weise nach dem Mund redete. Er führte das Wort, rühmte sich seiner Geschäfte, war laut, lachte grölend über seine eigenen schlechten Witze, die wir nicht mit anhören wollten. Mit einem Wort, Dr. Schiermeyer war ein Angeber."

Aber eben einer mit Geld. Kindler verhandelte, und sie einigten sich schließlich: "Am späten Nachmittag trafen fünf Herren ein, angeführt von Herrn Schiermeyer, der eine geöffnete Schnapsflasche in der Hand hatte. Die anderen vier torkelten bereits[…]. Ich sagte, als Kredit schlage ich eine Million vor. Er demonstrierte mir seine Freude am Risiko, indem er zuerst einen Schluck aus der Pulle nahm, dann sein Scheckbuch zückte und mir einen Scheck über eine Million überreichte. Wir waren gerettet." Der Verlag Kindler & Schiermeyer wurde eine jahrzehntelange Erfolgsgeschichte. Vom 13. März 1949 an erschien die Revue wöchentlich, das Titelblatt der ersten Nummer zeigt das Porträt des Fraktionschefs der SPD, Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes.

Ob Konsalik, ob Willy Brandt – alle schreiben sie in der "Revue"

Der Fortsetzungsroman wurde zu einem Markenzeichen der Revue, wie Der Arzt von Stalingrad , den Hans Günther 1956/57 besang, besser bekannt unter seinem Pseudonym Heinz G. Konsalik. Und die großen Tatsachenberichte, zum Beispiel die unglaubliche Geschichte des französischen Arztes und Raubmörders Marcel Petiot, der in den Jahren 1941 bis 1944 siebenundzwanzig jüdische Flüchtlinge umgebracht hatte. Diese Texte, Woche für Woche, sorgten für Auflage. Verleger Kindler organisierte die Serien zum Teil selbst. So überredete er den berühmten, wegen seiner Tätigkeit in der NS-Zeit allerdings umstrittenen Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, seine Memoiren zu schreiben; das eindrucksvolle Selbstdenkmal wurde zum Bestseller. Und er bat einen jungen Politiker, die Biografie des populären Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter zu besprechen. Der Rezensent hieß Willy Brandt. Er lieferte die Kritik, Kindler fand sie grässlich. Brandt kam in die Redaktion, wurde heftig gedrängt, alles umzuarbeiten. Brandt lehnte ab, unter anderem mit dem Hinweis, er könne sowieso nicht schreiben. Der Artikel erschien trotzdem, und Kindler wunderte sich, wie sehr seine Frau nun immer von diesem jungen Politiker schwärmte.

In seinen Erinnerungen schildert Kindler ausführlich den Kampf um die Anzeigen. Er selbst hielt Vorträge in den großen Agenturen, die damals schon die Werbeetats der Firmen verwalteten, und entwarf dabei das Porträt des Revue- Lesers, der selbstverständlich ein großartiger Mensch zu sein hatte: umfassend interessiert, neugierig und lebensfroh. Seinen Chefredakteuren indes machte es der Verleger nicht leicht, in 18 Jahren verbrauchte er 13. Man sprach von der Kindler-Einheit, ein "Kindler" war ein halbes Jahr. Wer mehr als zwei Kindler schaffte, galt schon als bravourös. Einer, dem dies gelang, war Jochen Steinmayr, der spätere Chef des ZEITmagazins. Wie so viele Verlegergestalten der Zeit von Axel Cäsar Springer bis Rudolf Augstein gab Kindler gern den harten Hund und gefiel sich in der Rolle des Autokraten. Als ihm ein Journalist einmal seinen ersten Roman ins Büro brachte, warf er das Manuskript ungesehen in den Papierkorb. "Der erste Roman eines Journalisten taugt nie was", sagte Kindler dem verdutzten Mann. "Schreiben Sie gleich den zweiten."

Aus dem goldenen Illustrierten-Zeitalter gibt es ungezählte Anekdoten. Zum Beispiel von Franz Burda, dem Begründer des Burda-Imperiums und Vater des heutigen Verlegers. Er las grundsätzlich sämtliche längeren Texte als Erstes seinem Chauffeur vor, einem sehr netten, sehr einfachen Mann. Nur wenn es dem Fahrer gefiel, hatte das Manuskript eine Chance auf Veröffentlichung in der Bunten. Franz Burda mischte sich bei allem ein, auch bei der Bildauswahl. Einmal war eine große Geschichte über die Donau mit vielen Fotos geplant. Burda ließ sich die Bilder zeigen und war entsetzt: Die Donau war braun. Den Hinweis der Redakteure, die Donau sei im Moment eben braun, ließ er nicht gelten. Er forderte, man solle sofort die Donau blau retuschieren: "Die Menschen wollen, dass die Donau blau ist, also ist sie auch blau."

Schon damals blühten "Meinungsforschung" und "Markttest". So ließen etliche Redaktionen ihre Fortsetzungsgeschichten Woche für Woche überprüfen. Waren Geschichten erfolgreich "getestet", liefen sie lange, waren sie es nicht, wurden sie relativ zügig abgesetzt. Was manchmal zu grotesken Situationen führen konnte. Bei einem U-Boot-Roman hieß es nach Folge vier: Okay, läuft nicht – nach der sechsten ist Schluss! Der Autor ließ das U-Boot kurzerhand explodieren, alle Insassen tot… Doch dann wurde die Folge sechs getestet und hatte plötzlich Superergebnisse, der Autor musste weiterschreiben. Aber wie? Waren doch alle tot. Die siebte Folge begann also mit dem Satz: "Wie durch ein Wunder, einer hatte doch überlebt, es war der…"