Istanbul

Er kommt zehn Minuten zu spät zum Freitagsgebet in der Blauen Moschee, aber wahrscheinlich war auch das geplant. Barfuß sinkt Mahmud Ahmadineschad in der Menge zu Boden, als sei er einer von ihnen, den vielen sunnitischen Türken. Hunderte halten Mobiltelefone hoch, um Fotos vom iranischen Präsidenten zu machen. Leute robben an ihn heran, begrüßen ihn, fassen ihn an. Ein kleiner Junge wird ihm zugeführt, verfolgt von einer Fernsehkamera und nach Gebieterart geküsst. Wieder drückt der Iraner die Stirn zum Gebet in den Teppich. Winzig wirkt er neben einer kolossalen Marmorsäule. Die imposante Blaue Moschee hatte Sultan Ahmed I. nach aufreibenden Kriegen gegen die Perser 1609 erbauen lassen – Gott zu Gefallen. Ein perfekter Rahmen für Mahmud Ahmadineschad. Er kniet noch, als er vor der Kamera die gestreckte rechte Hand zum Gruß an die Stirn führt.

Vom prunkhaften Einzug in Istanbul träumen die Herrscher seit über tausend Jahren. Was russischen Zaren und persischen Schahs verwehrt blieb, das erreichte Mahmud Ahmadineschad vorige Woche. Drei Jahre lang hatte er die Türken umworben, bis die Regierung in Ankara einwilligte. In die Hauptstadt allerdings wollte der Gast aus dem Gottesstaat nicht kommen, dort hätte er zum Grab des säkularen Republikgründers Kemal Atatürk pilgern müssen. Istanbul sollte es sein, der einstige Sitz des von Atatürk gestürzten Kalifen. Mahmud Ahmadineschad besuchte am vergangenen Freitag ein Nato-Land, er bereiste als hoher Repräsentant der islamischen Revolution die säkulare Türkei. In der verfremdenden Kulisse war er in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu sehen: scheinbar schlicht und offenkundig inszeniert, verklemmt und massenwirksam, Demagoge und Biedermann.

Ein Palasthotel am Ufer war seine Bleibe. Schnellboote auf der Meerenge sicherten seine Suite gegen Angriffe vom Wasser her, Hubschrauber kreisten in der Luft. Wo immer er unterwegs war, wurden die Straßen gesperrt. Trotzdem kam er zur Pressekonferenz über zwei Stunden zu spät, wahrscheinlich ungeplant. Auf ihn warteten türkische Diplomaten mit Krawatten, iranische Emissäre ohne Krawatten, dazu türkische Journalisten und bemerkenswert viele Journalistinnen in engen Jeans und mit sommerlichen Dekolletés. Als Ahmadineschad zusammen mit dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül eintraf, mussten sie erst mal selbst warten. Wie steht man richtig, als kleiner starker Mann im olivgrünen Anzug, neben einem stattlichen Präsidenten im dunkelblauen Zweireiher? Ahmadineschads Dauerlächeln gerann zum Grinsen, er verknotete die Hände, er zerrte an Revers und Knöpfen. Stehen und Schweigen ist seine Sache nicht.

Dann war es an der Zeit zu reden. Und das kann Ahmadineschad. Mit breiter, knarrender Stimme dankte er Gott, in Istanbul zu sein. Ein Journalist fragte, ob es Fortschritte in den Verhandlungen über das iranische Nuklearprogramm gebe. Bei diesem Thema entspannte sich der iranische Präsident so richtig. Zunächst machte er einen Witz, den er selbst ganz gut fand. Dann sagte er: "Die USA haben ein Embargo gegen uns verhängt, weil sie nicht wollen, dass wir uns entwickeln. Aber wir entwickeln uns. Vor allem in der Nuklearenergie."

Wozu hatten die Türken sich diesen Besucher angetan? An den Ergebnissen gemessen, war der Staatsbesuch ein Reinfall. Ein erwarteter Deal über iranische Gaslieferungen und türkische Investitionen kam nicht zustande, es blieb bei ein paar Kulturverträgen. Der türkische Präsident hielt den im Westen isolierten Gast auf gemessene Distanz. Der Nutzen lag im Ungreifbaren, im Aufbau einer diplomatischen Vermittlerrolle. Ankara will einen Krieg gegen Iran verhindern, der nach Irak 2003 und Georgien 2008 schon der dritte an der türkischen Ostgrenze wäre. Auch Ahmadineschad will keinen Krieg. Aber er hatte hier noch ein anderes Anliegen.

Sein Gebet in der Blauen Moschee, in der vor knapp zwei Jahren Papst Benedikt XVI. meditiert hatte, hatte ein Nachspiel. Beim Herausgehen riefen einige Gläubige dem schiitischen Herrscher "Allah ist größer" zu. Der Präsident freute sich, winkte und verschwand in seiner Limousine. Draußen hatte sich schon eine Volksmenge versammelt. Turbanträger, Kahlgeschorene in schwarzen Anzügen, Männer mit kleinen grünen Kappen, Langbärte – Iraner und Türken. Als die Wagenkolonne losrollte, jubelten und klatschten sie. Wenige Hundert Meter weiter, vor der Hagia Sofia, dem 1500 Jahre alten Denkmal des byzantinischen Weltreichs, gab Ahmadineschad Befehl zu stoppen. Er stieg aus dem Wagen, seine Worte gingen im Gejohle der Menge unter. Er reckte seine Fäuste. Die Menge brüllte: "Verdammt sei Israel!"