Es ist gute angelsächsische Tradition, sich früh in der Kunst der Debatte zu üben. In der Schule, spätestens in den debating societies der Universitäten, tauschen die Teilnehmer Argumente aus, Duellanten gleich, immer bemüht, sich in Brillanz, Schärfe und Witz zu übertrumpfen. Das Thema ist zweitrangig. Der Kommunismus hat 1989 verloren – keineswegs klar. Google ist gefährlich? Hmm, Ansichtssache. Cristiano Ronaldo ist der beste Fußballer der Welt? Oh, das wird ein Schlagabtausch. Ob man pro oder kontra argumentieren muss, ist so irrelevant wie die persönliche Überzeugung. Die Zuhörerschaft auf seine Seite zu ziehen, mit Fachkenntnis oder mit beeindruckend absurden Gedanken, die Argumente des Gegners zu zerlegen und erfolgreich Zweifel an seinem Verstand zu säen – allein das zählt.

Berater arbeiten auch so.

Der Vorstandschef will einen Konkurrenten des Konzerns kaufen? Kein Problem, wir wissen, wie das geht. Sie wollen sich gegen die Übernahme wehren? Hier die juristischen Argumente. Die Firma ist ein Sanierungsfall? Da sind die Kollegen, die der Öffentlichkeit die Geschichte von Rettung und Wandel nahebringen.

Berater sind so kreativ wie Debattanten – mit dem winzigen Unterschied, dass Firmen für jeden Einzelnen mehrere Tausend Euro pro Tag zahlen. Das gilt nicht nur für die zum Klischee gewordenen Unternehmensberater, sondern auch für Investmentbanker, Anwälte und PR-Berater. Oft rauschen sie in Truppenstärke durch die Flure. Viele Konzerne scheinen ohne sie nicht mehr auszukommen, und auch die Medien greifen gern auf ihre Expertisen zurück, insbesondere dann, wenn sich die handelnden Manager rar machen.

Es bleibt ein wachsendes Unbehagen. Die Beschäftigung von Beratern durch Unternehmen trägt zunehmend Züge des Exzesses. Mehr als je zuvor wirft das Fragen nach ihrem Nutzen auf. Nach den Risiken. Nach der Legitimität.

Ein Fall des Exzesses: Continental. Acht Banken soll der Autozulieferer als Berater in seinem Kampf gegen eine Übernahme durch den Familienkonzern Schaeffler engagiert haben. Acht! Das Ziel: eine Gegenstrategie zu entwickeln und mutmaßlich auch die Zahl der Banken, die Schaeffler den Kauf finanzieren könnten, zu verkleinern.

Ein anderer Fall: der Fusionspoker der privaten deutschen Banken, in dem kaum ein Institut auf Ratgeber verzichtet. Alle paar Tage gelangen neue Szenarien an die Öffentlichkeit. Mal heißt es zum Beispiel, dass Dresdner Bank und Commerzbank ganz, ganz sicher fusionieren. Dann erscheinen Berichte, die alles wieder relativieren – so geht das seit Monaten. Absurd mutete auch das Spielchen um die Citibank und den Verkauf ihres deutschen Privatkundengeschäfts an – an Abzählreime oder eBay fühlte sich erinnert, wer die regelmäßigen, offenbar gezielt mehreren Blättern gleichzeitig zugespielten Informationen über den schrumpfenden Bieterkreis las: drei, zwei, eins – meins!