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Es ist ein ungewöhnlich leuchtender Tag, an dem sich Georg Beirer wieder einmal mit dem Dunklen beschäftigen muss. Beirer klemmt die dicke Aktentasche auf den Gepäckträger seines Fahrrads und fährt hinauf zum Domberg. Sein Rad ist violett lackiert, sein Helm giftgrün – Beirer ist Teil der sommerlichen Buntheit, die ihn umgibt: fröhliche Touristen und alter Sandstein, der erstrahlt wie frisch geputzt. Bamberg im Norden Bayerns, 70000 Einwohner, die meisten katholisch, tausend Jahre alte Kirchen, Bischofssitz. Beirer lebt gern in dieser Idylle, aber seit sechs Jahren hat er die Aufgabe, auch dorthin zu blicken, wo nur Schatten ist.

Damals, im Jahr 2002, kam an die Öffentlichkeit, dass sich in den USA Hunderte katholischer Priester an Jungen und Mädchen vergangen hatten. Wenig später wurde bekannt: In Deutschland gab es ähnliche Fälle, und die Kirche hatte fast immer vertuscht, verschwiegen, verheimlicht. Die deutschen Bischöfe gelobten Besserung, sie erließen Leitlinien, wie mit Missbrauchsfällen umzugehen sei. Dem Bamberger Erzbischof schien es besonders ernst zu sein. Er ernannte den Psychotherapeuten Georg Beirer zum »Beauftragten für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche«.

Heute ist Beirer, 56, mit einem Fall befasst, der für viele steht. Im Mittelpunkt: die katholische Kirche, die sich selbst als Instanz für Gut und Böse, für Schuld und Unschuld begreift. Und es zeigt sich, wie schwer sich diese Kirche noch immer damit tut, wenn es um Schuldige in den eigenen Reihen geht.

Beirer parkt sein Rad am Domplatz in einem mittelalterlichen Innenhof, ein Verwaltungsgebäude des Bistums. Gegenüber, in einem grauen Block mit kleinen Fenstern, wohnte bis vor Kurzem der Mann, der seit Wochen das Bistum in Aufregung hält: Domkapitular Otto M., 63 Jahre alt, ein Mann, dem nach der Priesterweihe eine beachtliche Karriere gelang. Bis auf die Position des Personalchefs des Bistums arbeitete er sich hoch, für 500 Mitarbeiter war er verantwortlich. Bis vor Kurzem bekannt wurde, dass Otto M. mehrere Jugendliche missbraucht haben soll.

Noch nie stand in Deutschland ein so ranghoher Priester unter Verdacht. Von 1976 bis 1991 hatte M. in Bamberg das Ottonianum geleitet, ein katholisches Jungen-Internat. M. sei ein beliebter Pädagoge gewesen, sagen ehemalige Schüler. Sie legen Wert auf die Feststellung, dass das Internatsleben nie eng, nie verklemmt gewesen sei. Neben dem kastenartigen Schulgebäude gab es einen Fußballplatz, auf der Schulbühne spielte man auch mal ein Stück von Woody Allen. Die Wohnung des Direktors lag gleich neben dem Eingang. War das der Ort, an dem M. den Schülern in die Hose griff?

Beirer drückt es anders aus. Er spricht von »Grenzverletzungen«. Es klingt, als verlasse ihn die Sprache, sobald es um Sexualität geht. Merkwürdig bei einem Psychotherapeuten. Weniger merkwürdig bei einem katholischen Theologen. Beirer ist beides. Er arbeitet freiberuflich, vor allem für Ordensgemeinschaften, er schult Führungskräfte der Diözesen und hilft Priestern in psychischer Not. Den Zölibat nennt er »eine vernünftige Lebensform«. Ein schmaler Mann ist er, mit randloser Brille und einer Aura entrückter Autorität, die ihn wie einen Pfarrer wirken lässt. Von den Vorwürfen gegen M. erfuhr die Polizei erst aus einer Bamberger Tageszeitung – eines der mutmaßlichen Opfer hatte die Presse eingeschaltet. Wollte der Theologe Beirer den Geistlichen M. schützen und hat deshalb geschwiegen?

In den Leitlinien der deutschen Bischöfe heißt es, des Missbrauchs überführte Priester dürften mit Minderjährigen nichts mehr zu tun haben. In der Obhut der Kirche aber können sie bleiben. Das unterscheidet die Kirche vom Staat. Ein wegen sexuellen Missbrauchs zu einer Bewährungsstrafe von zwölf Monaten verurteilter Lehrer würde sofort entlassen. Bei katholischen Priestern jedoch müssen die Opfer oft hinnehmen, dass die Täter bloß versetzt werden. Dass sie zwar keine Kinder mehr um sich haben, sich aber weiterhin Menschen Hilfe suchend an sie wenden.

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Im Sommer 1999 zum Beispiel wurde der damals 58-jährige Josef H., Pfarrer in drei Allgäuer Gemeinden, wegen Missbrauchs eines 15-jährigen Jungen zu zwölf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Was ist aus Herrn H. geworden? Antwort des Bistums Augsburg: H. ist heute Seelsorger in einem Altenheim.

Im Sommer 2003 wurde der damals 56-jährige Bruno K., Pfarrer im hessischen Pohlheim, zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. K. hatte, wie es im Urteil hieß, »sexuelle Handlungen vor Kindern« begangen und zwei Messdienern im Pfarrhaus Pornovideos gezeigt. Was ist aus Herrn K. geworden? Antwort des Bistums Mainz: K. ist heute Seelsorger in einem Altenheim.

Im Sommer 2006 wurde der damals 62-jährige Johann P., Pfarrer im bayerischen Falkenberg, zu 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. P. hatte einen 16-jährigen Jungen sexuell missbraucht. Was ist aus Herrn P. geworden? Antwort des Bistums Regensburg: P. ist heute Hausgeistlicher in einem Nonnenkloster.

Beirer betritt das Verwaltungsgebäude, er stellt seine Aktentasche auf den Tisch eines Besprechungsraums. Ein Priester in grauem Jackett hat auf ihn gewartet. Georg Kestel ist Stellvertreter des Erzbischofs. Er und Beirer begrüßen sich herzlich, man duzt sich. Der Bischof hat öffentlich sein Bedauern über den Fall M. ausgedrückt, ohne das Verhalten der Kirche zu erklären. Das ist jetzt Beirers und Kestels Aufgabe.

Wo beginnen? Mit jenem, wie Beirer sagt, »äußerst angespannten« Treffen der wichtigsten Beteiligten im Oktober 2007. Einige Monate zuvor hatte sich der heute 41jährige Exinternatsschüler Erwin S. an das Ordinariat gewandt. Er sagte, er sei in den achtziger Jahren von M. missbraucht worden. Nun traf er auf Beirer, auf einen Juristen – und auf M. Der frühere Schüler habe sich die Begegnung mit dem Beschuldigten ausdrücklich gewünscht, sagt Beirer. »Er wollte ein Eingeständnis. Vielen Opfern geht es vor allem darum.« Erwin S. hat es nicht bekommen. »M. hat alles abgestritten, es stand Aussage gegen Aussage«, sagt Beirer.

Im Frühjahr 2008 jedoch kam der Therapeut in Kontakt mit drei weiteren ehemaligen Internatsschülern. Unter ihnen angeblich zwei Pastoralassistenten, heute noch Mitarbeiter der Kirche. Auch sie seien von M. missbraucht worden. Am 17. Juli sprach der letzte der drei Zeugen mit Beirer, nur mit ihm; zur Polizei wollten sie vorerst nicht. Am nächsten Tag wurde M. beurlaubt. Sonst geschah nichts. »Er sollte 14 Tage Bedenkzeit haben, um Stellung zu nehmen.« In diese Frist platzte die Enthüllung in der Lokalpresse. Erst jetzt musste M. sein Amt niederlegen.

Herr Beirer, wäre es nicht besser gewesen, Sie hätten selbst den Staatsanwalt eingeschaltet?

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»Die Angelegenheit ist verjährt, zwei Juristen haben den Sachverhalt geprüft. Die Voruntersuchungen waren noch nicht abgeschlossen.«

Beirer weiß, dass der Bamberger Oberstaatsanwalt sich über das Verhalten der Kirche öffentlich gewundert hat. Ob ein Vergehen verjährt sei oder nicht, dass wolle er, der Staatsanwalt, selbst beurteilen. Beirer weiß auch, dass die Leitlinien der Bischöfe das Einschalten der Behörden vorsehen. Trotzdem sieht er keinen Anlass zur Selbstkritik. Georg Kestel, der Vertreter des Erzbischofs, schweigt. Fast immer redet Beirer. Er, der vermeintlich externe Beauftragte für sexuellen Missbrauch, sagt ständig »wir«, er meint die Kirche.

Glauben Sie Ihren drei Zeugen?

»An ihrer Glaubwürdigkeit zweifle ich nicht.«

Dann ist M. also schuldig?

»Das zu entscheiden steht mir nicht zu.«

Können Sie ihm überhaupt noch glauben?

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»Er reagiert wie viele Beschuldigte, er erinnert sich nicht. Damit ihm das irgendwann doch gelingt, braucht er therapeutische Hilfe.«

Ist das noch relativieren oder schon vertuschen? Das Verhalten der Kirche erinnert an den Fall Riekhofen, der vor einem Jahr für Schlagzeilen sorgte. Damals hatte der Regensburger Bischof einen einschlägig vorbestraften Priester als Gemeindepfarrer in ein oberpfälzisches Dorf versetzt. Als sich dieser auch dort an Kindern verging, sagte Müller nicht: Wir haben einen Fehler gemacht. Er sagte: Wir können nichts dafür. Immerhin, Bamberg hat am Ende reagiert, M. ist nicht mehr im Amt.

Erwin S., dem Mann, der alles lostrat, hat sein Vorstoß nichts gebracht. Es gehe ihm psychisch sehr schlecht, heißt es. Er spricht nicht mit der Presse. Auch der Staatsanwalt hat inzwischen Zeugen gefunden, aber keine Handhabe gegen M. – alle Taten sind tatsächlich verjährt.

Herr Beirer, wo ist M. jetzt?

»An einem mir bekannten Ort. Er soll Gelegenheit erhalten, sich der Wirklichkeit und sich selbst zu stellen.«

Sich der Wirklichkeit stellen. Aber was ist die Wirklichkeit angesichts immer neuer Missbrauchsfälle in der Kirche? Die Tübingerin Ursula Gasch ist Kriminalpsychologin und Psychotherapeutin. Sie sagt, man müsse sich von dem Glauben verabschieden, wer Kinder missbrauche, sei notwendigerweise pädophil. Die wenigsten Täter seien sexuell auf kleine Jungen oder Mädchen fixiert. In der Regel dienten die Kinder als Surrogat, als Ersatzobjekt, weil ein geeigneter Sexualpartner fehle. Deshalb würden Jungen oft auch von Heterosexuellen missbraucht. Oft gehe es den Tätern weniger um Triebabfuhr als darum, Macht auszuüben, Aggressionen loszuwerden. Deshalb sei es gut möglich, dass sich ein Täter an anderen wehrlosen Opfern vergreife, an Alten oder Behinderten zum Beispiel. Ursula Gasch empfiehlt daher, auffällig gewordene Täter in keinem Fall weiterhin seelsorgerisch einzusetzen und darauf hinzuwirken, dass umfassend mit Strafverfolgungsbehörden kooperiert wird.

Herr Beirer, sollten Missbrauchstäter noch als Seelsorger arbeiten?

»Wenn es sich nicht um ganz schwere Fälle handelt und sie nicht mehr mit Kindern in Kontakt kommen, kann man das verantworten.«

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Nach dem Gespräch steigt Georg Beirer wieder auf sein Rad, er fährt auf holpriger Pflasterstraße bergab, zum Fluss hin. Er lässt sich in einem Restaurant nieder, um ihn herum barocke Pracht. Beirer wirkt zufrieden mit sich. Er preist die Kirche. Wo andere »viel Negatives« wahrnähmen, sieht er »Dynamik und Offenheit«. Ein Ort des Dunklen? Beirer löffelt seine Rinderbrühe. Er ist wieder mitten im Leben.

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