Müssen wir uns Bayern demnächst wirklich als normales Land vorstellen? Als unberechenbares Gebilde, in dem volatile Wähler ihr Unwesen treiben, in dem also vor Wahlen nicht schon feststeht, wer gewinnt, und in dem nach Wahlen so schmutzige Dinge wie Koalitionsverhandlungen stattfinden?

"Einen anständigen Bayern schüttelt’s bei dem Gedanken an eine Koalition", so brachte kürzlich Günther Beckstein, der Franke auf dem Bayernthron, die lange herrschende Partei-, ergo Staatsräson seiner Heimat auf den Punkt und offenbarte damit doch nur, dass sein schlimmster Albtraum Wirklichkeit werden könnte: Zum ersten Mal seit Langem wankt die absolute Mehrheit der Christsozialen, jüngste Umfragen sehen sie bei 50 Prozent. Bei der Landtagswahl 2003 waren es noch 60,7 Prozent.

Und schon formiert sich eine Mehrparteienkoalition der Willigen, manchmal freilich auch der unfreiwillig Komischen, die einander wechselseitig als Reserverad der CSU beargwöhnen.

Einen anständigen Bayern "schüttle" es schon mal gar nicht, sagt Fritz Schmalzbauer, den "grause" es nämlich. Schmalzbauer ist Spitzenkandidat der Linkspartei in Oberbayern. Der Gewerkschafter und frühere SPD-Genosse ist sicher, dass seine Partei den Sprung in den Landtag schafft, auch wenn die Umfragen sie derzeit bei nur vier Prozent sehen.

Weniger sicher ist er, wie es danach weitergehen wird. Einerseits könne eine Partei, die sich wie die Linkspartei aus der Opposition gegen die SPD definiere, ja nicht gleich zum Steigbügelhalter einer SPD-geführten Regierung werden. Andererseits kann sich Schmalzbauer auch nicht vorstellen, dass ausgerechnet er derjenige wäre, der verhindern würde, dass die CSU mal so richtig auf die Nase fliegt und in der Opposition landet.

Der Aiwanger von den Freien Wählern, der erinnere ihn ein bisschen an den Baumgartner Joseph, Chef der Bayernpartei, stellvertretender Ministerpräsident der bislang einzigen bayerischen Koalition ohne die CSU. 1954 bis 1957 war das, unter Führung des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner. Wie bitte?, denkt man, SPD-geführte Regierung, CSU-Opposition?, während Schmalzbauer im Weissen Bräuhaus unweit des Münchner Marienplatzes munter Zukunftspläne schmiedet.

Bei dem Gedanken an eine Koalition mit der Linkspartei graust es allerdings nicht nur die CSU. Das geht gar nicht, da sind sich der SPD-Vorsitzende Franz Maget, die Grünen, die Freien Wähler und die FDP einig. Schon inhaltlich nicht, sagt Maget. Vor allem aber weil das der FDP sofort einen Vorwand liefern würde, lieber mit der CSU zu koalieren. Schließlich hat sich der FDP-Spitzenkandidat Martin Zeil den Christsozialen schon als Koalitionspartner angeboten, falls jene zu etwas so zutiefst Unbayerischem wie Koalitionsverhandlungen gezwungen wären.