DIE ZEIT: Ist es China gelungen, sich mit den Olympischen Spielen der Welt weiter zu öffnen? Oder geht es nur um Goldrausch und Selbstbeweihräucherung?

Wang Hui: Bei der Eröffnungsfeier hat man ja den ambivalenten Sportsgeist "schneller, höher, weiter" bewusst weggelassen. Stattdessen drehte sich die ganze Botschaft der Feier erst einmal um alte konfuzianische Werte und chinesische Geschichte. Da wurde zum Beispiel die Drucktechnik des Altertums mit dem Schriftzeichen für "He" dargestellt: Man hat dieses Zeichen mit "Frieden" übersetzt, aber das ist unzulässig vereinfacht. In der alten konfuzianischen Denkweise heißt es "He er bu tong" – wir leben in Harmonie, aber wir sind unterschiedlich. Das war das Signal an die Welt: Koexistenz in der Differenz.

Cui Jian:Zhang Yimou, der Regisseur der Eröffnungsfeier, hat keinen Fehler gemacht. Er hat für das falsche System eine gute Show hingelegt. Das hat dem internationalen Publikum natürlich Angst eingejagt, weil dieses System dadurch mächtiger erscheint. Im Westen denkt man: Um Gottes willen, ihr dürft mit dem falschen System nicht noch mächtiger werden.

ZEIT: Cui Jian, Sie waren an einem Alternativprojekt für die Eröffnungsfeier beteiligt.

Cui: Wir nannten es "China Groove", ein modernes Musical, ich nahm die Idee dafür aus Athen mit. Aber Zhang Yimou hat den nordkoreanischen Stil bevorzugt: Massen von Menschen, die das Gleiche tun, in China nennt man das renqi – eine imposante Atmosphäre. Aber nichts daran ist neu, jeder kennt es. Zhang personifiziert in China die Idee, dass sich scheinbar alles öffnet durch die ökonomische Entwicklung. Er will zeigen, dass sich alles verändert und wir Teil der großen Weltfamilie werden. Aber in der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist immer noch jeder mein Feind. Die Kultur- und Medienkontrolle gibt es nach wie vor. Wir sind kein Familie. Vielleicht ist Ai Weiwei anderer Meinung.

Ai Weiwei: Ich habe künstlerisch auf die Entwicklung des neuen Pekinger Olympiastadions Einfluss genommen, aber von Anfang an gesagt, dass ich mit den Olympischen Spielen nichts zu tun habe. Ich habe dann Selbstzweifel gehabt, denn die Spiele sind natürlich eine große Chance für China. Ich dachte, ich übertreibe mit meinen Bedenken. Aber bei der Eröffnungsfeier fand ich alles viel schlimmer als erwartet. Es geht mir nicht um die Show. Sie kann gut oder schlecht sein, das ist egal. Wichtig ist der Inhalt. Es war alles nur eine große Maskerade ohne Bedeutung. Es war einfach enttäuschend. Ich wollte nicht, dass China sein Gesicht verliert. Ich streite nicht ab, dass sie wirklich etwas Gutes auf die Beine stellen wollten, dass sie ihr Bestes gaben. Aber sie sind zu nervös, sie haben kein Selbstvertrauen, sie sind inkompetent. Sie wollten den Westen beeindrucken. Aber sie zeigten nur ein bedeutungsloses Lächeln.

ZEIT: Bei der Feier wurde die jahrtausendealte chinesische Geschichte gezeigt. Viele im Westen wissen davon wenig.