Wien

Eigentlich will sich Karl Öllinger jetzt nur noch verziehen. Den blitzblauen Sommertag hätte er besser nützen können, als in einem klimatisierten Konferenzsaal mit Kunstlicht herumzusitzen. Genervt steigt der Sozialsprecher der Grünen zum Rednerpult. Mit einem knappen Ja akzeptiert er den wenig aussichtsreichen sechsten Listenplatz. Mehr hat er seinen Parteifreunden auf der Wiener Landesversammlung nicht mehr zu sagen.

Sie haben ihn bitter enttäuscht. Seit 14 Jahren sitzt er im Nationalrat, und jetzt dieses undankbare Kampfmandat. Nur mit viel Glück schafft er es so wieder ins Parlament. Nun muss er am Bundeskongress Anfang September neuerlich um seinen Einzug in den Nationalrat zittern. "Miese Rede, mieses Hearing, was hat sich der Karl denn erwartet?", raunt ein Mittdreißiger mit Halbglatze.

Es ist der Tag der Abrechnung. In der Ökopartei bestimmt nicht die Parteispitze, wer für einen Parlamentssitz kandidiert. Bei den Grünen ticken die Uhren noch anders. Wo in anderen Parteien Spitzenfunktionäre hinter verschlossenen Türen ihre Prioritäten setzen, entscheidet hier der pensionierte Maschinenbauer, der selbstständige PR-Fachmann oder die Pädagogikstudentin über die Reihung auf den Kandidatenlisten. Kurz: die Basis. Es ist ein Köpferollen nach Zufallsprinzip. "Natürlich habe ich gezittert", sagt Ulrike Lunacek. Erst nach zwei Stichwahlen konnte sich die Nationalratsabgeordnete im Kampf um Platz drei durchsetzen. Noch nie hatte sie so viele starke Gegenkandidatinnen. "Ein Delegiertensystem ist mir schon lieber", gesteht sie. Demokratie in Reinkultur. Für Lunacek eine unangenehme Pflichtübung, für die Basis hingegen die einzige Möglichkeit, ihren Promis einen Denkzettel zu verpassen. Dafür opfern die knapp 400 Wahlberechtigten gerne einen Ausflugssonntag. Acht Stunden lang debattieren und wählen sie im Haus der Lotterien am Wiener Rennweg. Hier treffen Hainburg-Veteranen auf Afrika und die Generation FM4. Während die alten Haudegen der Ökobewegung vor dem Haus über Umverteilung diskutieren, sitzen im Saal die Migranten schon in den ersten Reihen und studieren eifrig die Kandidatenlisten. Bunter, multikultureller soll die Partei werden. Jede Minderheit reklamiert ihr Recht auf parlamentarische Vertretung.

Alexander Griwatz hat indes den Glauben an seine Partei bereits verloren. Der 36-jährige Behindertenbetreuer ist Bezirksrat und Wahlkampfleiter für die Josefstadt. Seit 20 Jahren ist der gebürtige Tiroler bei den Grünen. Wählen wird er sie im Herbst nicht. "Mir graust vor einem schwarzen Bundeskanzler. Da wähle ich schon lieber die SPÖ." Das Vertrauen ist weg. Zu brav, zu angepasst, zu bürgerlich erscheinen der Basis der Professor und seine Getreuen. Und zu sehr hätten diese sich bei den Koalitionsverhandlungen 2002 an die ÖVP angebiedert, die nicht zuletzt auch am Widerstand der Wiener Linken gescheitert sind.

"Man hat das Gefühl, ihnen ist in der Opposition langweilig", meint die Politikwissenschaftsstudentin Martina Wurzer. Seit Stunden steht die 28-Jährige ganz hinten in dem vollen Saal. Ohne Snack, ohne Pause, keine Sekunde will sie verpassen. Amüsiert registriert sie, wie Van der Bellen griesgrämig die Arme verschränkt, während die Wiener Klubdirektorin Daniela Musiol am Podium beklagt, dass sie es satthabe, grüne Standpunkte verteidigen zu müssen, die sie im Grunde gar nicht vertrete. Wurzer grinst. Seitenhiebe gegen die Bundespartei, das gefällt dem Publikum. Bravo- oder Buhrufer gibt es keine, höchstens höflichen Applaus. Die grüne Basis ist keine launige Bierzeltklientel. Eher gleicht sie einem Plenum mit ergrauten Langzeitstudenten, die jedem noch so aussichtslosen Kandidaten mit Fragen nach seiner Gesinnung auf den Zahn fühlen.

Wer von den Bundesfunktionären favorisiert werde, habe schlechte Karten, prognostiziert Werner Haslauer. "Es ist nichts Persönliches, doch es kommt darauf an, aus welchem Stall man kommt", erklärt der 68-jährige Bezirksrat aus Mariahilf die Psyche der Wiener Fundis. Für ihn war klar, dass die Quereinsteigerin Beatrice Achaleke, eine Soziologin aus Kamerun, als Protegé der Bundespartei hier keine Chance haben würde. Ob afrikanische Immigrantin oder nicht, es geht um ein höheres Prinzip. "Der Bund versucht uns zu schwächen und holt sich Leute, die eine hierarchische Struktur unterstützen", sagt Haslauer.