Eigentlich bin ich ausgebildete Pädagogin und habe viele Jahre mit Kindern gearbeitet. Vor sechs Jahren begann ich aber etwas Neues. Ich hatte gesundheitliche Probleme und wollte eine Tätigkeit finden, in der ich weniger reden muss. So bin ich durch meine eigene Krankheit dazu gekommen, Menschen in Lebenskrisen zu unterstützen.

Im Wiener Frauengesundheitszentrum FEM Süd bin ich für alle Klientinnen zuständig, die aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens stammen. Manche kommen wegen scheinbar kleiner Problemchen zu uns, andere mit furchtbaren Krankheiten. Vor Kurzem saß eine Mutter von drei Kindern bei mir, deren Ehemann eine Geliebte hat. Praktischerweise hatte diese Ehefrau auch gleich die Geliebte zu unserem Termin mitgenommen.

Viele junge Mädchen wenden sich an uns, weil sie schwanger wurden und nicht mehr weiterwissen. Andere wollen einen Burschen heiraten, den die Eltern nicht akzeptieren. Bei vielen Frauen zeigen sich noch immer Nachwirkungen des Balkankrieges. Sie leiden nach all den Jahren unter Angstzuständen und Panikattacken. Je älter die Patientinnen werden, desto größer die Bandbreite der Probleme: Ehekrisen, Trennungen, Schulden, Depressionen. Die Immigranten-Generation, die in den siebziger Jahren vom Balkan nach Österreich gekommen ist, steht jetzt vor der Pensionierung. Da gibt es viele Frauen, die allein sind und von Notstandshilfe leben. Frauen, denen eine Frühpension verwehrt wird, weil sie mit Mitte 50 noch kräftig genug sind, um sitzend zu arbeiten. Das mag ja stimmen. Die könnten, so heißt es oft, Kugelschreiber zusammenbauen. Aber wo findet man in Wien solche Arbeitsplätze?

In den Sprechstunden muss ich das Problem einer Klientin schnell verstehen. Wir wollen vermeiden, dass sie ihre Geschichte immer wieder aufs Neue erzählen muss. Außerdem wollen wir ihr möglichst rasch die richtige Hilfe zukommen lassen. Braucht sie eine Psychologin? Oder eine Psychotherapie? Zu welchem Arzt muss sie? Kann man sie beim Arbeitsamt unterstützen?

Gelernt habe ich, dass es für alles eine Lösung gibt. Und dass wir alle ähnliche Probleme haben. Ob wir aus Somalia, aus Äthiopien oder Serbien kommen, wir können psychisch und körperlich krank werden. Unterschiedlich sind nur die Ursachen und die Wege zu einer Lösung. Oft liegt es an den religiösen und kulturellen Gebräuchen am Balkan. Dass beispielsweise so viele Mädchen aus diesen Ländern ungewollt schwanger werden, hat auch damit zu tun, dass Sexualerziehung in den Familien dort noch weitgehend tabuisiert wird.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer

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