"Wenn du die Stadt spüren willst, geh zum Friseur", hat mir einmal ein französischer Freund geraten. In Kiew öffne ich die Tür zu einem Friseurladen. Drei engelartige junge Damen in langen weißen Gewändern begrüßen mich und schicken sogleich nach ihrem Meister. Der kommt eine edle Schiefertreppe herunter in den kubistisch gestylten Kundensalon. Großgewachsen, kurzgeschoren, silberbehangen und kinnbartbestanden. Von seinem Unterarm baumeln die Fetzen eines durchdacht zerrissenen Leinenhemdes. Die Armani-Version eines Kosaken. Er sieht mich an, zeigt auf einen Nebenraum mit Waschbecken und sagt: "Go wash!" Ich gehorche, schon weil mich einer der Engel ins Schlepptau nimmt.

Der Kosake schneidet das Haar, wie der Nordeuropäer es mag. Nicht zu kurz – und schweigend. Ich wage zu fragen, wann er diesen geschmackvollen Salon eröffnet hat. Er wirbelt mit einer Eastwood-artigen Handbewegung die Scherenklingen auf seinen Daumenballen und streckt zwei Finger in die Höhe. "Years!", ruft er. Die beiden anderen Engel stehen daneben und halten Wache. Zwanzig Minuten später wedelt der Meister durch sein Werk und sagt: "Okay. Go wash!"

In Brüssel soll es Leute geben, die mit Hilfe irgendwelcher politischen Kriterien überprüfen wollen, ob die Ukraine EU-reif ist. Offenbar waren die dort noch nie beim Friseur.

Die Royal Bank of Scotland galt immer als Sinnbild kaufmännischer Solidität und finanzieller Zuverlässigkeit. Seit zwei Jahrhunderten lenken die Direktoren ihre Geschicke von derselben Adresse, The Mound in Edinburgh. Sie ist eine der größten Geschäftsbanken der Welt, gleichwohl kümmert sie sich um die winzigsten Dörfer. Bei uns trudelt jeden Freitag eine rollende Filiale ein, ein extra für den Zweck hergerichteter, blauer Ford Transit, den man über eine Treppe im Heck betritt. Manchmal muss man die Tür mit Gewalt gegen einen vom Meer her peitschenden Sturm aufreißen. Die hinter einer Theke sitzende Bankangestellte beklagt seufzend das schreckliche Wetter. Man tauscht Neuigkeiten aus, die sie vom letzten Dorf mitgebracht hat, bevor man seine Geldgeschäfte erledigt.

Irgendwann verlor die Royal Bank ihre Solidität und ihr konservatives Maß. Die Kreditkrise hat sie böse erwischt, sie machte in den ersten sechs Monaten dieses Jahres einen Verlust von 874 Millionen Euro. Die Angestellten sind so nett wie immer, aber sie müssen sich jetzt aufführen wie Kreditwucherer, so schwer ihnen das fällt. Mein Schwiegersohn suchte um einen Kleinkredit für sein Geschäft nach. Kein Problem – für eine jährliche Verzinsung von 21 Prozent. Das ist viermal so viel wie der Zinssatz aus dem Vorjahr. So erwürgt die vormals ehrbare Bank jetzt in ihrem rollenden Schalter ihre Kunden. Kein Wunder, dass der Kapitalismus selbst im hintersten Dorf in Verruf gerät.

Frauen sind immer schön, doch serbische Frauen sind besonders schön, das berichten jedenfalls die Männer, die in Serbien waren, wobei man diesen Männern eine eingeschränkte Urteilskraft zubilligen sollte, denn es handelt sich bei ihnen meist um seltsame Gesellen, die sich aus seltsamen Gründen in ein seltsames Land verirrt haben. Ohnehin, was nun eigentlich Schönheit sei, darüber wird sich kein Konsens herstellen lassen, doch ließe sich sagen, dass die Werbung heftig daran arbeitet, genau das zu erreichen. Schönheit bei Frauen, das ist nach Diktion der Werbung möglichst viel Rundes, möglichst viel Flaches und möglichst viel Langes an den richtigen Stellen. Und damit das auch keinem Mann entgeht, muss all das Richtige an der Frau zur Schau gestellt werden, ohne dass es von Kleidungsstücken allzu sehr verborgen würde.

Die Frauen in Belgrad befolgen dieses Gesetz aufs Wort, na ja, sagen wir, mindestens 51 Prozent von ihnen, die Mehrheit also. Das Runde wogt daher nur so durch die Straßen der Stadt, das Flache vibriert, und das Lange macht das, was es am besten kann, es streckt sich und streckt sich. In der Knez Michailova sind deshalb nach Angaben der lokalen Polizei in den ersten acht Monaten dieses Jahres dreihundertzweiundsiebzig Männer gegen einen Laternenmasten geknallt, weil sie sich im falschen Moment umdrehten, oder sollte man sagen, weil sie sich im richtigen Moment nach dem Richtigen umdrehten, dann aber gegen das Falsche knallten?