Der russische Botschafter in Berlin, ein eleganter Mann um die fünfzig mit exzellenten Deutschkenntnissen, vertritt sein Land seit vier Jahren mit Charme und urbanem Chic. Wladimir Kotenew ist bei aller Loyalität gegenüber seinem Förderer stilistisch ein Anti-Putin, ohne machohafte Machtgesten. Doch an diesem Mittwoch, dem ersten Tag nach Einstellung der Kampfhandlungen im Kaukasus, steht der sonst so konziliante Botschafter sichtlich unter Strom. Er hat die deutsche Presse geladen, um sie in dem riesigen stalinistischen Herrschaftsgebäude Unter den Linden mit der offiziellen Lesart des Kaukasus-Krieges vertraut zu machen: "Hinterlistige Georgier", sagt er mit verbissener Miene, hätten Zchinwali überfallen. Sie hätten "Kinder und alte Frauen zermalmt", Menschen in Kirchen verbrannt und Friedhöfe planiert. Eine "Tragödie von unvorstellbarem Ausmaß" und ein "versuchter Völkermord" gingen auf das Konto des "größenwahnsinnigen" Präsidenten Saakaschwili. Russland habe lediglich seinen "Friedenseinsatz" zum Schutz des Völkerrechts fortgesetzt, ganz wie der Westen im Kosovo.

Im Auftritt des Botschafters liegen Wut und Genugtuung, Bitterkeit und Triumphgefühl auf eine überraschend undiplomatische Weise offen zutage. Er wirkt wie befreit, wenn er voller Sarkasmus vom "ausgezeichneten Englisch" und den "großartigen Beratern" des georgischen Präsidenten redet. Ob Russland sich nicht international isoliere durch sein Vorgehen, wird Kotenev gefragt. "Ach, wissen Sie, Russland war fast immer allein", gibt er zurück. Russlands Argumente würden sowieso abgetan, winkt er ab.

Wie stichhaltig also sind die russischen Argumente?

Erstens: Wir mussten unsere Friedenstruppen verteidigen

Wer angefangen hat, wird sich vielleicht nie ermitteln lassen. Die Georgier behaupten, sie hätten erst geschossen, als die russische Armee bereits durch den Roki-Tunnel auf Südossetien hin marschierte. Die Russen hingegen sagen, ihre Truppen hätten den Tunnel erst betreten, als die Georgier schon die südossetische Hauptstadt Zchinwali mit Feuer belegten. Und zwar, um ihren "Friedenstruppen", die dort seit 1992 stationiert sind, zu Hilfe zu kommen. Georgische Selbstverteidigung gegen eine lange geplante russische Invasion oder russische Selbstverteidigung der "legalen Friedenstruppen"? Die russischen peacekeeper hatten allerdings keinen Finger gerührt, als georgische Dörfer am 7. August von südossetischen Separatisten beschossen wurden. Sie verletzten damit das Gebot der Unparteilichkeit. Legitime Ziele für die Georgier wurden sie dadurch dennoch nicht. Doch in der Nacht zum 8. August rückten die Georgier mit schwerer Artillerie auf Zchinwali vor. Sie griffen umliegende Dörfer an und beschossen die im Tal liegende Hauptstadt aus der Höhe mit BM-21-Raketenwerfern, den Nachfolgern der berüchtigten "Stalinorgel". Diese Waffe deckt ganze Flächen mit Raketenhagel ein. Wer sie auf eine schlafende Stadt richtet, nimmt zivile Opfer in hoher Zahl in Kauf. Die Russen sprachen von 2000 Opfern – eine Zahl, die von unabhängigen Beobachtern bestritten wird. Wie dem auch sei: Der nächtliche Beschuss Zchinvalis durch die Georgier hat nicht nur die Russen, sondern auch die USA entsetzt. Der amerikanische Kaukasus-Gesandte Bryza nennnt diesen Akt "illegal und schrecklich". Wenn russische peacekeeper dabei getroffen wurden, wie Moskau behauptet, ließe sich daraus in der Tat ein russisches Recht zur Selbstverteidigung ableiten. Eine Rechtfertigung für die anschließende russische Invasion georgischen Kernlandes wäre dies aber keineswegs, und auch nicht für den Einsatz von russischen Streubomben gegen georgische Zivilisten, den Beobachter von Human Rights Watch dokumentiert haben. Daher ist die einhellige westliche Kritik der russischen Reaktion als "unverhältnismäßig" korrekt: Sie impliziert ja, dass es eine angemessene Antwort hätte geben können.

Zweitens: Wir mussten unsere Staatsbürger im Ausland schützen

Prinzipiell ist das ein stichhaltiges Argument. Das Recht zum Schutz eigener Staatsbürger im Ausland in Krisensituationen impliziert allerdings zunächst konsularische Hilfe und im äußersten Notfall auch eine militärisch gestützte Evakuation – nicht aber die Invasion eines souveränen Staates.