Eine postmoderne Weisheit besagt, dass es keine objektive Wirklichkeit gebe: Unsere Realität bestehe aus einer Vielzahl von Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen. Lässt sich danach nicht der Krieg in Georgien mit seiner Vielzahl von Lesarten als besonders charakteristischer Anwendungsfall der Postmoderne verstehen? Da gibt es die Geschichte des kleinen, heldenhaften, demokratischen Staates, der sich gegen die imperialistischen Ambitionen des postsowjetischen Russland verteidigt; die Geschichte des US-amerikanischen Versuchs, Russland mit Militärstützpunkten zu umzingeln; die Geschichte vom Kampf um die Kontrolle über Ölvorkommen. Und so weiter. Doch statt im Irrgarten dieser konkurrierenden Geschichten die Orientierung zu verlieren, sollte man sich auf etwas konzentrieren, das fehlt und dessen Abwesenheit die fortgesetzten Eruptionen politischen Geschichtenerzählens auslöst.

Eine Gesellschaft kennen heißt nicht nur, ihre expliziten Regeln zu kennen – man sollte auch wissen, wie sie anzuwenden sind: wann sie zutreffen und wann nicht; wann man gegen sie verstoßen sollte; wann man eine angebotene Möglichkeit ausschlägt; wann man in Wahrheit gezwungen ist, etwas Bestimmtes zu tun, aber vorgeben muss, man tue es aus freien Stücken… Denken Sie an das Paradoxon des Angebots, das dazu da ist, ausgeschlagen zu werden: Es ist üblich, solch ein Angebot abzulehnen, und jeder, der es annimmt, begeht einen groben Fehler. Lädt mich mein reicher Onkel in ein Restaurant ein, wissen wir beide, dass er die Rechnung begleichen wird, doch trotzdem muss ich erst einmal kurz darauf bestehen, dass wir uns die Zeche teilen – und wäre völlig verblüfft, wenn mein Onkel einfach sagte: "Na gut, dann bezahl du auch!"

In Regionalkonflikten testen die Großmächte ihren Spielraum

Das Problem der chaotischen postsowjetischen Jahre unter der Regierung Jelzin lässt sich auf dieser Ebene festmachen: Die gesetzlichen Regelungen waren bekannt (und mehr oder weniger dieselben wie zu Sowjetzeiten), was spaltete, war jedoch das komplizierte Netzwerk ungeschriebener, verborgener Gesetze, auf dem das gesamte soziale Gebäude ruhte. Wenn man in der Sowjetunion eine bessere Behandlung im Krankenhaus oder eine neue Wohnung haben, sich über eine Behörde beschweren wollte, vor Gericht geladen war, erreichen wollte, dass ein Kind auf eine erstklassige Schule kam, oder wenn ein Fabrikdirektor schwer zu beschaffende Materialien brauchte, die die staatlichen Partnerfirmen nicht rechtzeitig liefern konnten, wusste jeder, was zu tun war, an wen man sich wenden musste, wen man schmieren musste, was man tun durfte und was man lassen musste.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetmacht gehörte es zu den frustrierendsten Alltagserfahrungen der Normalbürger, dass diese ungeschriebenen Gesetze zum großen Teil unscharf wurden: Die Menschen wussten einfach nicht mehr, was sie zu tun hatten, wie sie reagieren sollten, wie sie sich gegenüber gesetzlichen Regulierungen verhalten sollten, was sie ignorieren konnten, wo Schmiergelder halfen und so weiter. (Eine der Funktionen des Organisierten Verbrechens war, eine Art Ersatzlegalität zu bieten: Der kleine Unternehmer, dem ein Kunde Geld schuldete, wandte sich, da das staatliche Rechtssystem ineffizient war, an seinen Beschützer bei der Mafia, und der regelte das Problem.) Die Stabilisierung unter der Regierung Putin beruht im Wesentlichen auf einer neu geschaffenen Transparenz hinsichtlich der ungeschriebenen Gesetze: Jetzt wissen die Leute meist wieder, wie sie sich innerhalb des komplizierten Geflechts sozialer Interaktionen bewegen müssen.

In der internationalen Politik haben wir dieses Stadium noch nicht erreicht. In den neunziger Jahren regelte ein stillschweigendes Abkommen die Beziehungen zwischen den westlichen Großmächten und Russland: Die westlichen Staaten behandelten Russland als Großmacht, das sich im Gegenzug nicht wie eine verhielt… Natürlich stellte sich dabei ein Problem: Was passiert, wenn derjenige, dem das auszuschlagende Angebot gemacht wird, dieses tatsächlich annimmt? Was passiert, wenn sich Russland wirklich wie eine Großmacht verhält? Eine derartige Situation ist wahrlich katastrophal, sie droht das gesamte bestehende Beziehungsgeflecht zu zerstören. Und genau das ist jetzt in Georgien geschehen. Russland, das es leid war, nur als Supermacht behandelt zu werden, agierte wie eine. Wie kam es dazu?

Das "amerikanische Jahrhundert" ist zu Ende, wir bewegen uns bereits auf die Periode eines globalen Kapitalismus mit vielen Zentren zu. Die USA, Europa, China, vielleicht Lateinamerika – sie alle stehen für eine spezifische Form von Kapitalismus: die USA für den Neoliberalismus, Europa für das, was vom Wohlfahrtsstaat übrig geblieben ist, China für die "östlichen Werte" eines autoritären Kapitalismus, Lateinamerika für einen populistischen Kapitalismus… Nachdem der Versuch der Vereinigten Staaten gescheitert ist, sich als alleinige Supermacht (und das heißt als Weltpolizei) zu etablieren, ist es nötig geworden, neue Regeln für die Verständigung der konkurrierenden Zentren im Fall von Interessenskonflikten einzuführen.