Der Lumpenadvokat ist wieder da. Ein kleines, doch höchst amüsiertes Kritikerrauschen begleitete den ersten Auftritt dieses Christophe Leibowitz Berthier auf der literarischen Bühne vor einem knappen Jahr. Die "groteske Nachkriegsmutation" eines Juden, der zwar wie einer heißt, aber keiner ist, war das in Frankreich akklamierte Debüt der Hannelore Cayre, halb Österreicherin, halb Französin, spitzzüngig, spitzfedrig, voll Abscheu gegen die Welt der Heuchler und Karrieristen. Cayre ist selber Lumpenadvokatin von Profession, das heißt Pflichtverteidigerin mit großer Klappe, winzigem Einkommen und wachsendem Ruf als Autorin flegelhafter Kriminalromane aus dem Milieu der französischen Justiz und der kleinen Gauner.

Leibowitz, "einer der Ersten, die in Russe, Lette und Albaner machten", hat sich saniert. Wieselflink und gewieft hatte er sich anstelle seines Mandanten einbuchten lassen, dann das Schlupfloch der Justiz gefunden, durch das er entkommen konnte. Das wissen wir aus dem Lumpenadvokaten (2007). Jetzt hat er anderthalb Millionen in der Schweiz und langweilt sich. Zurück also in die miefigen Flure des Palais de Justice, Auftritt deux: Das Meisterstück (aus dem Französischen von Rudolf Schmitt; Metro im Unionsverlag, Zürich 2008; 160 S., 14,90 €) ist ein Lehrstück über die Funktion der Justiz, und zwar ein sehr komisches. Jetzt durchkreuzen sich oben und unten noch turbulenter: Unten Leibowitz, der eine gewisse Bergamote mit viel Geld und Hohn dazu bewegen möchte, so zu posieren wie "Emma" auf dem Bild Egon Schieles, das er so liebt: "Eine Jugendliche mit langen roten Haaren, der Rock geschürzt." Für den Einbrecher und Neofaschisten Lazare, der das Gemälde aus dem Depot eines Kollegen als Verhandlungsgut für einen Deal vor den verbundenen Augen Justitias sichergestellt hat, "die Kleine, die ihre Muschi lüftet". Kunstliebhaber unter sich.

Oben die Creme der französischen Anwaltschaft, und dazwischen weitere moderne rabelaissche Figuren: Nicole Cohen, als Maklerin spezialisiert auf Luxusunterkünfte für flüchtige Gangster, Steuerinspektorin MarieFrance auf der Suche nach Leibowitzens Millionenverstecken und nicht zuletzt die Richterin Garance und ihre frühreifen Töchter, die einen leicht erregbaren Anwalt gnadenlos niederstrecken.

Hinter dem turbulenten Chichi und Froufrou, hinter all den Sottisen über korrupte Richter, korrupte Unterrichter und korrupte Minister, die dem flotten Unternehmen bereits einen fetzigen Bass verschaffen, arbeitet sich allmählich Ebene zwei ans Tageslicht: eine üble Subgeschichte der französisch-deutschen Beutekunst(ko)operationen unter Hitler und Pétain, bei denen die Franzosen gar nicht so schlecht wegkamen – als Sammler selbstverständlich. Herrlich frech ist das erzählt, unumwunden immer auf den wunden Punkt: Cayre ist Superklasse. Encore une fois s.v.p.!