Hätte Heinrich von Kleist auch Selbstmord begangen, wenn er SS-Offizier gewesen wäre? Die Frage stellen hieß eine heroische Antwort heischen: Nein, Kleist hätte gekämpft bis zum Endsieg! Alles andere war im totalen Kriegssommer 1944 undenkbar. Die Suggestivfrage, die damals dem schleswig-holsteinischen Abiturjahrgang vorgelegt wurde, diente ja nicht als Wissenstest, sondern als Probe auf die Vaterlandsliebe. Vaterlandsliebe aber drückte sich in der möglichst schön formulierten Sehnsucht nach dem Heldentod aus. So lernten die Schüler am Beispiel Kleist, den privaten vom politisch korrektem Suizid zu unterscheiden und Todesangst zu überwinden zugunsten der einzig wahren Sorge um Deutschland. Damals 1944, als die Wehrmachtssoldaten an der Ostfront schon für den Selbstmördermut ihrer Heeresleitung büßten, verlangten Schleswig-Holsteins Prüfungsfragenschreiber von den Abiturienten mehr als Belesenheit – die literaturgeschichtlich fundierte Bereitschaft, sich auf dem Altar des Patriotismus zu opfern.

Man kann Literatur zu allem möglichen missbrauchen, und man kann insbesondere Kleist, den Franzosenhasser mit dem preußischen Offiziersstammbaum, zum ersten nationalsozialistischen Dichter umlügen. Wie gründlich das zwischen 1933 und 1945 geschah, zeigt jetzt die Doppelausstellung "Was für ein Kerl!" Heinrich von Kleist im Dritten Reich. Sie ist als bescheidenes Kabinett im Kleist-Museum Frankfurt an der Oder zu sehen und als weite Wandelhalle im vierzig Kilometer nordwestlich gelegenen Schloss Neuhardenberg. Eine Gespensterbahn der Rezeptionsgeschichte: Beim Betreten erschrickt der Besucher vor zwei übergroßen Porträts, rechts der milchgesichtige Kleist, links der hagere Joseph Goebbels, wobei der Propagandaminister den Dichter scharf taxiert. Aber beim Verlassen der Ausstellung, wenn man noch einmal an den ungleichen Dioskuren vorbei muss, erscheint einem das Paar ganz plausibel. Dann hat man auf vergilbtem Papier und in zittrigen Schwarz-Weiß-Filmsequenzen eine propagandistische Orgie nacherlebt. Wie plump der Verfasser der Hermannsschlacht von den Nazis ans Herz gedrückt wurde: plumper als Schiller, Herder, Hölderlin, Klopstock, Nietzsche.

Man liebte den Dichter als Rebellen gegen die Rechtsordnung

Zum "Deutschesten der Deutschen" ernannte ihn der Präsident der Kleist-Gesellschaft 1935. "Kleists Schlachtruf ist unser Schlachtruf und sein Rachegesang unsere Vergeltung", donnerte die Frankfurter Oderzeitung 1936. "Er suchte das Deutschland, für das wir heute kämpfen dürfen", trommelte die Hitlerjugend 1937. Diese Kleistomanie begann mit schrillen Thesen und steigerte sich zu absurden Fehlinterpretationen, wie sie anderen Klassikern nicht so leicht widerfuhren. Aber der Außenseiter Kleist, zwischen Klassik und Romantik stehend, hatte radikalpoetische, auch radikalpatriotische Schriften abgeliefert und war zu früh gestorben, um sie zu relativieren. Seine zornige Erzählung vom Selbsthelfer Michael Kohlhaas passte gut zu Kleists Karriere als Militärdienstverweigerer, Studienabbrecher, mutmaßlicher Spion, verkrachter Verlobter und verkanntes Genie. Dass er sich 34-jährig am Kleinen Wannsee erschoss, nicht ohne vorher einen der elegantesten Abschiedsbriefe der Weltliteratur verfasst zu haben, besiegelte seinen Nachruhm als Märtyrer für ein freies Deutschland.

Mit Kleists Kompromisslosigkeit vor allem identifizierte sich das "Dritte Reich", liebte man doch das jugendlich Überspannte und glaubte an notwendige Gewalt, bildete sich ein, der Napoleon-Gegner hätte Rebellion gegen jegliches Recht verherrlicht, und verherrlichte ihn, weil er zur Rechtfertigung des Vernichtungskriegs taugte. Das Oberkommando der Wehrmacht druckte seinen Kohlhaas als Feldpostausgabe mit heldischem Titelbild, als hätte der Autor seinen Helden nicht scheitern lassen. Selbst Kleists eigenes trauriges Ende deutete man um in Triumph. Die Reichshauptstadt schenkte ihm einen neuen Grabstein, und der Reichsdramaturg Rainer Schlösser schrieb eine Abhandlung über Kleists Tod als politische Tat. Erst hier wird verständlich, dass die Abiturfrage von 1944 keineswegs auf eine Kritik am Freitod des Dichters zielte, sondern dass man ihn als Unzeitgemäßen betrauerte, der besser in eine SS-Uniform gepasst hätte.

Man fand bei ihm Führerkult und völkische Staatsauffassung

Hunderte solcher verstreuten Dokumente zusammengetragen, sortiert, kommentiert zu haben ist das Verdienst der Kuratorin Caroline Gille und des Historikers Martin Maurach. Die entstandene Doppelausstellung in der märkischen Heimat des Dichters enthüllt anhand einer kurzen Phase der Kleist-Rezeption die Denkart einer Epoche. Was die völkischen Ideologen bei dem abtrünnigen Aristokratenenkel fanden: volkhafte Staatsauffassung im Zerbrochenen Krug, Führer und Gefolgschaft in der Hermannsschlacht, kriegerisches Frauenideal in der Penthesilea, keusches Frauenideal im Käthchen von Heilbronn, Naturhaftigkeit Mythos der Tat, tragisches Denken… Die Beispiele sind nach Werken geordnet, doch man muss schon sehr textsicher sein, um den jeweiligen Grad der Vereinnahmung zu beurteilen. Wo bietet Kleist sich als Kamerad an? Wo wird er absichtlich missverstanden? Und wie kommt es, dass die Widerständler um Stauffenberg den Kohlhaas ähnlich interpretierten wie ihre Gegner, warum beanspruchte der Verschwörer Adam von Trott zu Solz das gleiche Recht auf Notwehr wie der Reichsführer SS Heinrich Himmler in seinen Leitheften? Solche Fragen muss man sich selbst beantworten, denn die Ausstellung ist historisch-dokumentierend, nicht ideologiekritisch.