Es wird in diesen Tagen viel geraunt unter Sozialdemokraten. Über Kurt Beck. Und über Franz Müntefering. Und über die tiefe Krise der SPD. Nur darüber, dass diese drei Themen möglicherweise aufs Allerengste zusammenhängen, darüber spricht niemand offen. Also: Sollte der alte Parteichef der neue werden, und kann das die SPD retten?

Dass überhaupt ernstlich über einen neuerlichen Wechsel an der Parteispitze nachgedacht werden kann, liegt an dem rapiden Autoritätsverlust, den Beck in der Öffentlichkeit und in seiner Partei erlitten hat. Die Kandidatur von Gesine Schwan als Bundespräsidentin wurde ihm aufgezwungen, sein Versuch, Andrea Ypsilanti von einem zweiten rot-rot-grünen Versuch in Hessen abzuhalten, ist erstens öffentlich geworden und dann zweitens gescheitert.

Seither hört man von ihm beinahe täglich neue Stellungnahmen zu Hessen, die zwischen Erlauben, Warnen und Distanzieren hin und her schwanken. Warum tut Beck das? Weil er ein kluger und erfahrener Machtpolitiker ist und weiß, dass sowohl ein Erfolg von Andrea Ypsilanti wie auch ein Misserfolg für ihn verheerende Folgen hätte. Denn er wird das hessische Dilemma nicht mehr los.

Die Genossen dort wagen einen zweiten Versuch schließlich nur deshalb, weil sie so große Angst vor Neuwahlen haben müssen. Das müssen sie, weil die Partei nach dem von Beck mitverantworteten Wortbruch bei den Wählern dermaßen abgestürzt ist, dass die Alternative für sie heißt: Rot-Rot oder Untergang. Darum wird man im Falle eines erneuten Scheiterns von Andrea Ypsilanti auch Kurt Beck mitverantwortlich machen, egal wie sehr er sich heute distanziert. Damit wäre er als einer, der Instinkt besitzt, Weitsichtigkeit und Stärke, erledigt und eine Last für den Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Im Falle eines Erfolges wiederum wäre Becks Strategie dahin, Rot-Rot-Grün für den Bund glaubhaft auszuschließen. Jedenfalls könnte er als Miterfinder von Rot-Rot-Grün in Hessen dafür kein Garant mehr sein und würde ebenfalls zur Belastung für den Kanzlerkandidaten.

An dieser Stelle kommt Franz Müntefering ins Spiel. Er hatte sich aus der großen Politik weitgehend zurückgezogen und will nun nach dem Tod seiner Frau wieder dorthin zurück. Sein entscheidender Vorteil als SPD-Chef wäre, dass er von allem, was in Hessen passieren wird, völlig unberührt bliebe. Er könnte als Brandmauer gegen den Verdacht wirken, dass die SPD im Bund am Ende doch mit der Linken geht, auch wenn sie vorher etwas anderes versprochen hat. Nicht einmal die rot-rot-grüne Wahl von Gesine Schwan kurz vor der Bundestagswahl könnte dem Duo Müntefering/Steinmeier etwas anhaben.

Das allein reicht natürlich nicht für eine erfolgreiche Bundestagswahl. Aber wenn die SPD das Links-Problem nicht wegkriegt, dann wird sie im Wahlkampf mit keinem anderen Thema richtig durchdringen können und sich permanent nur rechtfertigen müssen.

Was gegen Franz Müntefering als SPD-Chef spricht, ist klar: Die SPD-Linke, die im Moment auch die Mehrheit hat, möchte ihn nicht, weil sie ihn für einen Rechten hält, einen Agenda-Mann, einen etwas disziplinierteren Wolfgang Clement. Wenn er das wäre, dann hätte die Linke auch das Recht, ihn zu verhindern. Aber die Linke irrt. Zum einen macht sich Andrea Nahles, ihre Anführerin, offenbar nicht klar, was ein erwartbar verheerendes Bundestagswahlergebnis mit der kakofonischen Quadriga Beck, Ypsilanti, Schwan und Steinmeier für die Partei bedeuten würde. Zum anderen müsste sie wissen, dass Müntefering kein Rechter ist, jedenfalls nicht rechter als Beck; er ist nur ein Starker, einer, der nach – gemäßigt – links steuern kann (was die SPD braucht), ohne sich nach links wegreißen zu lassen (was die SPD gar nicht braucht.)