Meyer ist Kleinaktionär. Er ist Allergiker. Meyer sitzt in der Küche, "um das Wohnzimmer nicht abzunutzen", erregt sich über seine Nachbarn, wildert im Pfandflaschen-Revier der Langzeitarbeitslosen und fährt zum Tanken gen Osten. Von Molières Figur Harpagon, dem Prototyp des Geizigen, unterscheiden Meyer nicht nur seine zarten Saiten, sondern auch das Motiv seines Geizes. Angst, nicht Raffgier treibt ihn zur Sparsamkeit. Besser: Ängstlichkeit, denn noch die großen Gefühle erscheinen bei Meyer kleinlich. Eigentlich ist er eher ein Spießer als ein Geizhals. Das passt auch besser zu seiner Autorin, der Wortakrobatin Patricia Görg, die Meyer in Meier mit Y einen "Jahreslauf" lang auf den Fersen bleibt. Der Spießer ist vielseitiger, und außerdem verdankt sich Ödön von Horváth die Erkenntnis: Jede Zeit bringt den Ihren hervor. Was aber die Zeit hervorbringt, das interessiert Görg stets brennend.

Auch dies war wohl ein Argument, sie für Meier mit Y im vergangenen Jahr auf die Shortlist des Alfred-Döblin-Preises zu setzen. Der Preis ging letztlich nicht an sie, auch wenn ihre Sprache und ihre Bildwelten von allen Kandidaten am ehesten dem "Döblinismus" verwandt zu sein schienen. Görgs Texte leben davon, dass Konkretes auf Fantastisches prallt wie im "Abenteuerbuch" Meer der Ruhe (2005). Sie spielen mit der Spannung zwischen präziser Beobachtung des Einzelnen in Politik und Gesellschaft und dem entfesselten Tanz der Metaphern, die sich in den "Zeitgeschichten" Tote Bekannte (2007) um Honecker, die Queen und Ceauşescu drehen und gerade in der grotesken Überdrehung reale Züge der Zeitgeschichte und der sie prägenden Persönlichkeiten bestürzend evident werden lassen. Auch Meyer wird von Görg in diese Zange genommen, zum Beispiel, "Peitschenknall!", im Narrenmonat Februar: Da sehen wir "Meyer, dem kurz nach dem Aufstehen nichts Besseres einfällt, als in seinem Wohnzimmer sämtliche Glühbirnen gegen weniger wattstarke auszutauschen, damit das sinnlose Verströmen ein Ende hat. Die Geister werden immer mehr. Ringsum ist ihr Feixen in die Luft geschnitzt. Spielkarten und Schneckenhäuschen wippen."

Der Reiz des Görgschen Blicks auf die Welt ist der selbstverständliche Schritt vom Alltäglichen ins Groteske, die Verzahnung scheinbar disparater Themen- und Bildkomplexe. Darum hätte man ihr auch die Auslassungspunkte streichen sollen, die in jeder der zwölf etwas längeren Kalendergeschichten den Übergang von Meyers Welt in die der Naturbetrachtungen markieren. (Letztere durch einen Sparkassenkalender inspiriert, der an sich schon Satire auf das Kleinbürgertum ist, soll er doch die Kundschaft mit Bildern von der Esche bis zur Hausstaubmilbe beglücken.) Sie betonen nur unnötig das Prinzip, das diesem Jahreslauf zugrunde liegt: einen Typus auf das Gerüst des Jahreslaufs zu schreiben, zugleich die Charakteristika der Monate aufzuspießen, das Ganze mit Geschichten zu den Bildern des Sparkassenkalenders süffisant zu kommentieren und durch Meiers Y, das sich selbstständig macht und quer durch diese abgezirkelte Welt turnt, zu brechen. Ein Prinzip, das auf die im Motto durch Dante gestellte Frage zuläuft: Was treibt er bloß das ganze Jahr, der Mensch?! Und: Ist dieser Meyer Kuckucksei oder Jedermann?

Görg zeigt dabei, dass sie auf dem literarischen Eis die Königin der Pirouetten ist. Denn so wild ihre Drehungen anmuten, sind sie doch Ergebnis eiserner Disziplin, sind Form und Inhalt exakt aufeinander abgestimmt: Der Februar ist entgrenzt, der Juni drosselt das Tempo, bis er im Sommerloch stagniert, die Herbstmonate sind dunkel und bedrückend. Dieses Erzählen ist nicht ausgelassen, sondern setzt wohldurchdachte, oft maliziöse, dann wieder überraschend anrührende Blicke auf diese Figur Meyer und die sie gebärende Gesellschaft an- und ineinander. Die Kapitel bilden Suchbilder, erfreut trifft man im Juli, der sich zu einer Collage aus Postkartenfloskeln türmt, schließlich doch noch im letzten Satz auf Meyer: "Meyers Zeh ragt in das Urlaubsbild."

Görgs Literatur lädt ein, darüber zu sinnieren, ob es ein Gewinn wäre, wenn sie ihrem eigenen Ypsilon vollends die Zügel schießen ließe. Oder andersrum: wenn sie ihn endgültig an die Kandare legte. Denn dass sie äußerst virtuos auf dem Geländer der literarischen Genres zu balancieren versteht, die Eigenarten der Menge unter sich fest im Blick, hat sie nun erneut bewiesen. Aber man fragt sich bei allem Amüsement und dem Genuss dieser klugen, vielschichtigen und überaus genauen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen und literarischen Formen, ob diesem Schreibprinzip beim nächsten oder übernächsten Buch nicht die Gefahr des Seriellen droht. Das muss nicht schlecht sein, im Gegenteil. Aber es wäre kein "Döblinismus". Wie auch immer, da vibriert was!

Patricia Görg: Meier mit Y

Ein Jahreslauf; Berlin Verlag, Berlin 2008; 176 S., 18,– €