Sabine P., 34, aus Berlin hat eine gute Freundin, die seit Langem eine allem Anschein nach sehr glückliche Beziehung führt. Diese Freundin erzählt ihr oft davon, was sie und ihr Partner gemeinsam unternehmen, wie hingebungsvoll ihr Liebster ist – und dass sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Beziehung so richtig wohlfühlt. Sabine aber weiß, dass der Freund ihrer Freundin eine Affäre hat. Und diese Affäre geht schon eine ganze Weile. Ihre Freundin ahnt offenbar nichts, überhaupt nichts. Sie redet immer nur davon, wie unfassbar glücklich sie ist mit dem Mann, der sie heimlich hintergeht. Sabine schmerzt das sehr. Sie fühlt: Es ist Verrat, wenn sie ihrer Freundin, einer so engen Vertrauten, nicht sagt, wie übel sie getäuscht wird. Andererseits fragt sie sich auch: Darf ich Richterin spielen?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Letztlich ist die Frage, die Sabine sich stellen muss: Akzeptiere ich, was zwischen den Partnern vor sich geht – oder glaube ich an eine allgemeine Ethik, die es vorschreiben würde, einzugreifen? Ich meine: Niemand sollte sich einbilden, besser über das Liebesleben anderer Bescheid zu wissen als die Betroffenen selbst. Und es ist selten, dass jemand, der regelmäßig betrogen wird, völlig ahnungslos ist. Woher weiß denn Sabine, ob ihre Freundin nicht vielleicht informiert ist – aber beschlossen hat, die Affäre zu ignorieren? Eine Beziehung ist nicht objektiv intakt oder unglücklich. Sie besteht aus den Vorstellungen, die sich die Partner vom anderen machen. Man sollte sich nicht anmaßen, das Glück anderer zu zerstören. Auch wenn man es für ein trügerisches Glück hält.

Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt der Paartherapeut im Interview mit ZEIT ONLINE.