DIE ZEIT: Herr Toni, wissen Sie, dass Sie dabei sind, das Image der Italiener in Deutschland auf den Kopf zu stellen?

Luca Toni: Ich? Was habe ich gemacht?

DIE ZEIT: Na, Sie stürmen – und Sie schießen Tore. Normalerweise verabscheut man in Deutschland den italienischen Fußball.

Toni: Wirklich? Was wirft man uns vor?

DIE ZEIT: Es sind Vorurteile. Aber sie halten sich hartnäckig, auch bei Leuten, die sonst auf weltoffen machen. Kennen Sie die Klischees?

Toni: Nee.

DIE ZEIT:  Der italienische Fußballer hat keinen Spaß am offensiven Spiel...

Toni: (lacht) Ich habe immer angegriffen. Ich liebe Mannschaften, die offensiv spielen.

DIE ZEIT: Italienische Trainer tun alles, einen Torvorsprung zu halten, auch wenn sie dabei das Spiel zerstören.

Toni: Das Problem ist, dass heutzutage nur der Sieg zählt. Um auf nationaler und internationaler Ebene zu gewinnen, muss man gut verteidigen und gut stürmen können, es bedarf eines Gleichgewichts. Deshalb glaube ich, dass die Vorstellung, Italiener spielten defensiv, eher der Vergangenheit angehört. Das haben auch die italienischen Mannschaften gezeigt, die im Europapokal gewonnen haben.

DIE ZEIT:  In der vergangenen Saison haben sie gar nichts gewonnen!

Toni: Ja, da ging es schief. Aber hat denn Milan davor keinen schönen Fußball gezeigt?

DIE ZEIT: Drittes Vorurteil: Italiener lassen sich bei jeder Gelegenheit fallen, um einen Freistoß oder einen Elfmeter zu schinden.

Toni: Ein bisschen Cleverness gehört zum Fußball dazu, das ist ganz normal. Es ist nicht schön, den Gegner betrügen zu wollen. Aber es ist schön, alles dafür zu tun, dass die eigene Mannschaft gewinnt. Man darf sich dabei nur nicht lächerlich machen oder provozieren. Jeder hat da so sein Repertoire, auch viele deutsche Spieler. Sie tragen dick auf oder simulieren. Ich versuche, während des Spiels das Publikum einzubeziehen, es etwa zum Singen zu animieren.

DIE ZEIT: Nächstes Vorurteil: Italiener haben eine Menge Tricks auf Lager. Von Ihnen sagt man, Sie hätten die besten von der Stürmer-Legende Roberto Baggio gelernt.

Toni: Tricks ja, aber nicht solche, an die Sie jetzt denken. Ich habe in Brescia mit Roberto Baggio zusammen gespielt. Er war mein erstes Vorbild, in puncto Disziplin zum Beispiel, aber auch darin, wie er sich im Training verhalten hat. Er war sich nicht zu schade, hinterher die Bälle einzusammeln. Um Freistöße zu trainieren, blieb er eine halbe Stunde länger als die anderen auf dem Platz. Ich habe gelernt: Wenn man oben ankommen will, muss man immer bereit sein, sich zu verbessern – und dabei auch Demut zeigen. Je höher das Spielniveau ist, desto ernsthafter werden die beteiligten Personen.

DIE ZEIT: Ich bin sicher, Sie wissen gar nicht, was das Bild der Italiener in Deutschland so stark geprägt hat, bis in die Kreise linker Intellektueller hinein. Es war ein Europacup-Spiel, das lange vor Ihrer Geburt stattfand, Inter Mailand spielte gegen Borussia Mönchengladbach. Es war der 20. Oktober 1971, Borussia führte mit 2:1. Da warf ein sehr dummer Fan eine Cola-Dose in Richtung des Inter-Spielers Roberto Boninsegna. Er wurde kaum getroffen, sank jedoch zu Boden und spielte den toten Mann. Borussia gewann 7:1, aber das Spiel wurde annulliert und neu angesetzt. Inter kam weiter.

Toni: Na ja, die Vergangenheit ist Vergangenheit. Es gibt bestimmt andere Beispiele, in denen wir uns sportlich fair und korrekt verhalten haben. Alle können Fehler machen, wichtig ist, sie einzugestehen.

DIE ZEIT: Ich glaube, ich habe all Ihre Interviews der letzten Jahre gelesen – es sind nicht so viele.

Toni: Ich gebe nicht gern Interviews. Es gibt zwar viele gute Journalisten, aber auch viele schlechte, die dann das Interview zur Polemik nutzen.

DIE ZEIT: Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?

Toni: Ja, mit Übertreibungen. Wenn schon, dann gehe ich lieber ins Fernsehen, wo das Publikum direkt mitbekommt, was ich sage.

DIE ZEIT: Wenn ich mir die Interviews anschaue, die Sie deutschen Journalisten gegeben haben, stelle ich fest, dass Sie oftmals in Ihrer Eigenschaft als Italiener gefragt werden. Was steckt dahinter?

Toni: Vor allem Neugier: Wie ist denn der Italiener so, wie leben die Italiener? Ich glaube ja, dass aus Italienern und Deutschen eine wirklich gute Mischung hervorkommen würde. Wir sind offener, chaotischer. Der Deutsche ist viel genauer, aber auch oft zu verschlossen, zu festgelegt: Etwas muss so und so und so sein und nicht anders. Schön finde ich, dass die Deutschen die etwas chaotische "bella vita" mögen. Auch wenn unsere "bella vita" in ihren Augen nicht ganz das ist, was wir damit verbinden.

DIE ZEIT: Sie hatten doch bestimmt auch ein Bild von Deutschland, als Sie hergekommen sind.

Toni: Nein, aber ich dachte nicht, dass München so schön sein würde.

DIE ZEIT: Stimmt es, dass Uli Hoeneß Sie und Ihre Verlobte während der Verhandlungen über Ihren Wechsel eingeladen hat, ein Wochenende in München zu verbringen?

Toni: Ja, meine Freunde waren auch dabei, sie sind mir sehr wichtig. Ich war vorher noch nie in München.

DIE ZEIT: Und in Deutschland?

Toni: Auch nicht.

DIE ZEIT:  Nicht einmal für ein Spiel?

Toni: Nein, nur bei der WM.

DIE ZEIT: Also sind Sie erstmals nach München gekommen und waren überrascht.

Toni: Ja, eigentlich ist München so perfekt, so makellos, dass es fast schon wieder langweilig ist. Manchmal sucht man ja nach einem Schwachpunkt, nach etwas weniger Perfektem, aber hier funktioniert einfach alles.

DIE ZEIT: Bayern München hat Ihnen angeblich ein Haus angeboten, das 4000 Euro Miete kostete. Sie sollen das abgelehnt haben, weil es zu teuer war?

Toni: Ich bin angekommen, und sie haben gesagt, es gibt ein Penthouse im Zentrum, das kostet 10.000 Euro pro Monat. Da habe ich gesagt: Also, ich verstehe, ich bin Toni, aber 10.000 Euro sind ein bisschen viel. Außerdem gefiel es mir nicht sehr. Ich habe mich umgesehen, mit meiner Verlobten, und ein Haus in Bogenhausen gefunden, das super ist.

DIE ZEIT: Hatten Sie wirklich keine Vorstellungen von Deutschland?

Toni: Nein, ich war so ignorant, dass ich dachte, alle anderen außerhalb Italiens würden so leben wie in Italien. Ich wurde vom Gegenteil überzeugt, im positiven Sinne. Was mir hier jedoch fehlt, sind meine Familie und meine Freunde. Und die Sprache macht mir zu schaffen. Ich bin nicht gern allein, lieber in Gesellschaft. Ich unterhalte mich gern, auch zu Hause, bis spät abends. Spät essen, das gefällt mir.

DIE ZEIT: Birgit Schönau hat in der Süddeutschen Zeitung geschrieben, München ähnele einem etwas zu groß geratenen Modena, der Stadt, die Sie so gut kennen.

Toni: Modena hat viel mehr Probleme. Wenn Modena nur so wäre… In München ist wirklich alles perfekt: Sauberkeit, Ordnung, Sicherheit. Ich wünschte, in meinem Modena wäre die Sicherheit so hoch.