Ich habe einen Ausflug in den Spreewald gemacht. Dort, im Hafen der Spreewaldmetropole Lübbenau, suchte ich eine öffentliche Toilette auf. Dieses für Außenstehende wahrscheinlich belanglose Detail meiner Biografie würde ich nicht preisgeben, wenn es keine gesellschaftliche Bedeutung hätte. Am Eingang der Toilette saßen ein älterer Herr und eine Dame. Sie kassierten 50 Cent, im Voraus.

Ähnlich wie die Preise für Energie, für Lebensmittel und die Krankenversicherung sind auch die Preise für Toilettenbesuche stark gestiegen, vielleicht, weil bei diesem Produkt alles zusammenkommt. Eine Toilette muss geheizt werden, die Kunden haben vorher Lebensmittel zu sich genommen, wenn sie bestimmte Krankheiten haben, dann müssen sie besonders oft kommen. Es gibt auch schon Toiletten, die 80 Cent kosten, das heißt, man kratzt an der Ein-Euro-Marke.

Womöglich wird schon bald ein Toilettenbesuch in Mitteleuropa die Menschen mehr kosten als ein Liter Milch. Als Milchbauer würde mich das wütend machen. Wer es sich aber nur ein einziges Mal verkneift, kann von dem gesparten Geld bei Ikea Kartoffelschäler kaufen. Hartz-IV-Empfänger können sich den Besuch einer öffentlichen Toilette praktisch nicht mehr leisten, was bedeutet dies für die Innenstädte?

Beim Betreten der Toilette stellte ich fest, dass die Betreiber den an der Wand hängenden Becken Namen gegeben hatten. Über jedem Becken klebte ein Zettel an der Wand, auf dem in handgeschriebenen Druckbuchstaben "Dieter", "Willi", "Harry" oder sonst was stand. Mein Vorname war nicht vertreten, also habe ich – die Herren Rowohlt, Valérien und Belafonte bitte ich um Verzeihung, lege ihnen aber gleichzeitig einen Abstecher nach Lübbenau ans Herz – "Harry" genommen.

Dass jemand eine persönliche Beziehung zu einem WC-Becken besitzt oder eine solche herzustellen versucht, kam mir zunächst merkwürdig vor. Während ich vor "Harry" stand, dachte ich, dass die Emotionalisierung der Gesellschaft krankhafte Züge annimmt. Man muss bei bestimmten Tätigkeiten doch auch mal sachlich bleiben können. Ja, sicher: In einer Welt, in der kein größeres Sportereignis mehr ohne ein sogenanntes Maskottchen auskommt, liegt es natürlich nahe, dass auch Toilettenbecken Namen erhalten.

Beim Verlassen des Raumes las ich auf einem Schild, dass die Toilette über eine eigene Homepage verfügt, www.hafenklo.de . In meinem Entschluss, meinerseits auf eine Homepage zu verzichten, fühlte ich mich bestätigt. Zu Hause angekommen, besuchte ich gleichwohl sofort hafenklo.de. "Willkommen auf den Webseiten der öffentlichen Toilette am Grossen Spreewaldhafen Lübbenau! Wir sind Ihr kompetenter Partner für die täglichen 'kleinen und großen Geschäfte'."

Sie haben sogar Werbung, und zwar für die "Hansewoche Lübbenau"! Zum Anklicken gibt es unter anderem die Möglichkeiten "Herren", "Damen", "Behinderte" und "Pauschalangebote", offenbar für Gruppen. Bei den Herren fehlen auf dem Foto noch die Namensschilder. Ich klickte "Damen" an. "Auf unserer Damentoilette stehen Ihnen insgesamt 7 WC-Boxen zur Verfügung. Dadurch ist auch bei stärkerem Andrang ein reibungsloser Ablauf gesichert." Die wirklich recht einladenden Boxen sind ebenfalls im Bild zu sehen, ebenfalls noch namenlos, womöglich heißen sie längst "Conny", "Bea" und "Friederike". Bei meinen Reisen durch sämtliche Kontinente hat das Hafenklo von Lübbenau einen der stärksten Eindrücke bei mir hinterlassen. Deutschland ist ein faszinierendes Urlaubsland.

Zu hören unterwww.zeit.de/audio