Ich hoffe und bange mit einem Land, das so schön und so grausam sein kann. Mit dem ich selbst nicht fertig werden kann, weil ich enttäuscht bin und verzweifelt. Ich würde gerne erklären, die Russen seien gar nicht so schlecht, wie es gerade aussieht, und gefährlich auch nicht. Aber wenn ich dann einen Blick in die russischen Zeitungen werfe und lese, wer da was gesagt hat, wird mir wieder ganz anders.

Meine Familie kam nach Deutschland, als ich drei Jahre alt war. Mein Vater hatte ein wissenschaftliches Stipendium erhalten, und es war eigentlich nicht geplant, länger hierzubleiben. Unter anderem wegen der Umwälzungen der neunziger Jahre in Russland sind wir nicht zurückgekehrt. Meine Eltern legten großen Wert auf beide Kulturen, es war selbstverständlich, dass wir gut Deutsch sprechen sollten. Gleichzeitig lebten wir in der Familie auch sehr russisch. Meine großen Ferien verbrachte ich fast immer in Russland, zu Hause wird bei uns noch heute nur Russisch gesprochen. Ich kenne viele alte sowjetische Anekdoten, Filmzitate, Anspielungen, die meine Mutter mir oft erst erklären musste, die aber fest dazugehören. Lange habe ich überlegt, in Moskau zu studieren. Jetzt, wo ich das könnte, will ich es aber nicht mehr so recht. Ich fühle mich wohl in Deutschland, und ich würde vieles vermissen.

Das Russische ist jedoch für immer ein Teil von mir, es ist meine Heimat. Und ich kann mich mit meiner Heimat nicht aussöhnen, weil es nicht leichtfällt, etwas zu lieben, mit dem man häufig hadern muss. Ich wünschte, die Russen hätten einen klar defensiven Krieg in Georgien geführt. Ich glaube nicht alle russischen Argumente im Kaukasuskonflikt – aber ich sehe Russland und irgendwie auch mich von der Öffentlichkeit im Westen unverstanden und ungerecht behandelt. Allerdings höre ich nicht auf, mich zu fragen, wieso dieser Krieg sein musste. Und ob nicht gerade Russland hätte anders handeln sollen, weil es eben der größere, der gewichtigere Staat ist. Wie sich herausgestellt hat, ist er dennoch leider nicht der weisere.

Wenn es um mein Land geht, gibt es für mich Kopfgefühle und Bauchgefühle. So kann ich rational nicht verstehen, wieso Medwedjew mit einer solchen Genugtuung ruft: "Der Aggressor wurde bestraft!" Nachempfinden kann ich es schon. Das russische Nationalgefühl, auch mein russisches Nationalgefühl, ist anders als das deutsche. Weil Deutschland die Vergangenheit nicht vergessen will, weil es sich selbst kritisieren kann und ein neues, moderneres Selbstgefühl zu entwickeln bemüht ist. Meine Russlandliebe wird noch lange von Sowjetfolklore und der Größe des Landes zehren, sich an den Ewigen Feuern rund um die Soldatendenkmäler wärmen und in den Liedern von damals wiederfinden. Sie ist in gewisser Weise eine konservierte Heimatliebe zur Sowjetunion. Ich möchte sogar sagen, sie hat fast nichts mit dem heutigen Russland zu tun. Ob das gut ist, weiß ich selbst nicht. Mir jagte es einen Schauer über den Rücken, als ich die Militärparade zum 9. Mai sah. Vielleicht war es der Schauer der Geschichte. Aber Geschichte ist deshalb Geschichte, weil sie vergangen ist, und man sollte sie lieber ruhen lassen.

Verankert ist, auch in meinem Kopf, eine Erfolgsgeschichte der Roten Armee

Ich will das Gute und das Schöne an meinem Russland natürlich nicht vergessen. Aber es müsste eine ehrlichere, zeitgemäße Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geschehen. Verankert ist, auch in meinem Kopf, eine Erfolgsgeschichte. Die Geschichte einer glorreichen Roten Armee und eines Kampfes für Gerechtigkeit, die Geschichte großer Dichter und Denker, der Freundschaft der Völker. Dass Polen, Ungarn und Tschechen sich nie als Teil unserer großen Familie fühlten, kam erst recht spät in mein Bewusstsein. Wie genau das alles für die Ukrainer und Georgier war, weiß ich nicht. Es gibt bestimmt viele, die zu Sowjetzeiten glücklich waren. Aber zu akzeptieren sind auch die vielen, die es nicht waren; die kein Russisch sprechen wollten und denen eine Lebensweise aufgezwungen wurde. Weil ich Russin bin, werde ich die Gefühle der Nichtrussen vielleicht sogar nie wirklich nachempfinden können. So eine Auseinandersetzung ist schmerzhaft, und sie benötigt Zeit. Wenn sie jedoch ausbleibt, wird sich ein neuartiges Selbstgefühl nicht einstellen können. Ich bin überzeugt davon, dass wir es brauchen.