DIE ZEIT: Mrs. Jefferson, in Ihrem Buch lernt man einen der wichtigsten Menschen in Michael Jacksons Leben kennen: Phineas T. Barnum, einen legendären amerikanischen Zirkusdirektor im 19. Jahrhundert. Jackson verteilte Barnums Biografie an seine Mitarbeiter mit den Worten: "Ich will, dass meine Karriere zur größten Show aller Zeiten wird…"

Margo Jefferson: …und Michael Jackson wurde der größte Star des 20. Jahrhunderts. Der Unterschied ist: Barnum täuschte und belog die Menschen, er zeigte ihnen die ersten Spezialeffekte, eine riesige Freak-Show – und manipulierte damit andere. Michael Jackson manipulierte sich selbst. Seinen Körper, seine Psyche.

DIE ZEIT: Über Barnum schreiben Sie, niemand sei besser darin gewesen, das Publikum zu packen und zu unterhalten – ohne sonderlichen Erkenntnisgewinn. Gilt diese Beschreibung auch für Michael Jackson?

Jefferson: Ja, und sie trifft zugleich ziemlich genau auch die gesamte amerikanische Unterhaltungskultur. Die Politikkultur übrigens auch. Nehmen Sie die Botschaft in Jacksons Liedern: "Liebe dich selbst, liebe die Welt!" Nehmen Sie all den Bombast in seiner Musik. Und dazu noch jeden billigen Trick, um die Leute zu unterhalten. So funktioniert amerikanische Unterhaltung, so funktioniert amerikanische Politik.

DIE ZEIT: Was ist Michael Jackson für Sie: ein Freak oder ein Jahrhunderttalent?

Jefferson: Er war ganz klar ein Jahrhunderttalent, kein Zweifel. Man vergisst das ja gern, aber er konnte singen, er schrieb all diese Lieder selber, er war ein brillanter Tänzer…

DIE ZEIT: Warum reden Sie in der Vergangenheit?

Jefferson: James Matthew Barrie schrieb über Peter Pan: "Er entkam seinem Menschsein." Genau das hat Michael versucht – und einen unglaublichen Preis dafür bezahlt. Wo ist Michael heute? Was tut er? Er war ein Genie auf der Flucht vor der Sterblichkeit. Aber diese Flucht hat ihn nirgendwohin geführt.

DIE ZEIT: In einem Fernsehinterview sagten Sie, dass Jackson "die Verkörperung des auserwählten schwarzen Kindes im Showgeschäft darstellte". Können Sie das erklären?

Jefferson: Er war das kleine schwarze Genie, das die weiße Kultur im Sturm erobert hat. Jeder hat ihn geliebt – ich auch. Und der Abscheu, mit dem viele Michael Jackson heute begegnen, hat eben auch damit zu tun: Er war das auserwählte Kind. Und das hat uns betrogen.

DIE ZEIT: Haben Sie Michael Jackson getroffen?

Jefferson: Nein. Aber ich habe ja auch keine Biografie geschrieben, sondern einen Essay. Dafür brauchte ich eine kritische Distanz, die ich niemals gehabt hätte, wenn ich Michael getroffen hätte. Ich hätte Angst gehabt, manipuliert zu werden und die Kontrolle über das Thema zu verlieren.