Washington, D. C. - Das gab es bislang noch nie: Die große Eröffnungsrede auf dem Parteitag der Demokraten in der nächsten Woche wird eine Frau halten. Michelle Obama, demnächst vielleicht die erste schwarze First Lady in der Geschichte Amerikas, soll die 4400 Delegierten und das Fernsehpublikum auf ihren Mann einstimmen. Sie wird den Endspurt in einem Wahlkampf einläuten, in dem Barack Obama keineswegs mehr so glänzt wie noch vor wenigen Monaten. Der Krieg im Kaukasus, aggressive Attacken aus dem Lager seines Gegners John McCain und ein nicht sehr geschmeidiger Auftritt vor einer kalifornischen Kirchengemeinde haben ihn Punkte gekostet. Amerika beobachtet seinen Superstar wieder sehr viel skeptischer.

Es ist noch nicht lange her, da erzählte Michelle in ihrer ironischen Art, wie sehr sie ihr Mann am Anfang selber befremdet habe. Ein smarter Schöngeist, mit einer weißen Mutter aus Kansas und einem schwarzen Vater aus Kenia, aufgewachsen auf Hawaii und in Indonesien, und dann dieser komische Name: Barack Obama. "Mit dem Kerl habe ich doch nichts gemein", dachte sie, als der junge Jurist Anfang der neunziger Jahre als Praktikant in ihrer Anwaltskanzlei in Chicago auftauchte und sich unbedingt mit ihr verabreden wollte. Knapp zwei Jahrzehnte später, im Januar auf Wahlkampfreise im Südstaat South Carolina, sagt sie: "Ich kann das Fremdheitsgefühl vieler Leute gegenüber diesem Präsidentschaftskandidaten durchaus nachempfinden. Doch dieser Kerl ist verdammt gut, er ist geerdet und versteht eure Sorgen. Er ist einer von euch!"

"Ich möchte meinen Kindern ein normales Leben erhalten"

Es ist im Winter 2007, als sich Michelle Obama zum ersten Mal aufmacht, die Zweifel an ihrem Ehemann zu zerstreuen. Schließlich ist sie seit 16 Jahren mit ihm verheiratet und kennt ihn wie sonst niemand. Doch schnell erfährt sie, dass viele Menschen mit ihr mindestens ebenso fremdeln. Besonders auf Weiße aus der unteren Mittelschicht wirkt die selbstbewusste, schlagfertige Juristin mit dem Harvard-Examen und dem Hang zu außergewöhnlichen Kleidern genauso elitär wie ihr Mann. Und mindestens so schwarz.

Barack, dem Wanderer zwischen den Welten, nimmt man halbwegs ab, Vertreter einer postrassistischen Ära zu sein, der Frau aus dem Ghetto von Chicago, deren Vorfahren einst als Sklaven nach Amerika verschleppt wurden, nicht. Als Michelle in einem unbedachten Moment leicht bissig bemerkt, seit der Wahlbegeisterung für ihren Mann sei sie erstmals "richtig stolz" auf ihr Land, fühlen sich viele Weiße in ihrem Argwohn bestätigt. Da ist sie doch wieder, diese zornige schwarze Frau, die den Weißen ewig grollen wird, egal was sich inzwischen alles verändert hat. Was beklagt die sich, fragen einige erbost, schließlich durfte sie dank der Minderheitenförderung sogar an einer Eliteuniversität studieren und verdiente zuletzt 200000 Dollar im Jahr. So jemand hat dankbar zu sein, statt Amerika zu kritisieren.

Michelle Obama polarisiert, an ihr scheiden sich die Geister. Wenn sie in einer Universitätskapelle in South Carolina mit bitterer Miene "Amerikas Sündenregister" vom desolaten Gesundheitssystem über den Irakkrieg bis zu den Schießereien in den Großstädten auflistet, dann spricht sie vielen Landsleuten aus der Seele. Aber mindestens ebenso viele verstört sie. Ihnen ist ihre unverblümte Art zu negativ, zu unamerikanisch.

Auf Kritik stößt auch, wenn Michelle sich über ihren Barack lustig macht, weil er seine Socken überall liegen lässt und morgens nach dem Aufwachen Mundgeruch hat. Wer so spricht, meinen manche, hat in der Ehe die Hosen an. Der Verdacht, in Wirklichkeit sei sie die Starke und er ein Weichling, wächst. Viele halten Michelle Obama außerdem für politisch radikaler als ihren Mann – und für noch ehrgeiziger als einst Hillary Clinton. Laut Umfragen kann sich noch im Mai eine Mehrheit der Amerikaner Michelle Obama nicht als First Lady vorstellen.