Vom Gipfel der Drachenwand stürzen die Felsen lotrecht 700 Meter zum Mondsee hinunter. Er liegt in der Mittagssonne wie ein grünes, spiegelverkehrtes S. Von einem Wiesenfest dringt Blasmusik herauf. Das Ufer des Sees ist dünn besiedelt, Wald reicht vielerorts bis an das Wasser heran. Kleine Weiler, ein paar Campingplätze, ein Golfplatz. Nur an der Nordspitze des Sees ballen sich die Häuser zum Ort Mondsee zusammen. Der Blick geht von hier weit in das Salzkammergut hinein. Im Osten ist ein Stück des Attersees zu sehen, und auf dem schiefen Rücken des Schafbergs bewegt sich ein graues Wölkchen vorwärts. Das ist der Ausstoß der Dampflok, die seit Kaisers Zeiten eine Zahnradbahn vom Wolfgangsee auf den Gipfel zieht.

Das Salzkammergut ist so etwas wie die Keimzelle der österreichischen Sommerfrische. Schnitzler, Johann Strauß, Strindberg, alle kamen sie in diese Operettenlandschaft. Thomas Bernhard schätzte sie genauso wie Helmut Kohl. Der Mondsee zählt mit seiner Länge von zehn Kilometern zu den größten Seen des Salzkammerguts. Weil er nicht besonders tief ist, gilt er auch als einer der wärmsten. Nun soll er verkauft werden. Diese Nachricht lässt viele aufhorchen, weil sie so erfahren, dass das Areal nicht etwa Staatseigentum, sondern Privatbesitz ist. Die meisten Menschen träumen von einem Seegrundstück. Aber gleich ein ganzer See?

Nicolette Waechter findet das weniger merkwürdig: "Ich habe ihn halt vor 30 Jahren von meinem Bruder geerbt, er ist sehr jung verstorben." Frau Waechter wohnt auf einem Gehöft in St. Lorenz am Fuß der Drachenwand. Der Weiler umfasst einige Wiesen voller Streuobstbäume und alter Bauernhöfe. Mittendrin steht eine hübsche Barockkirche mit einer mächtigen Linde davor. Die sechzigjährige Seebesitzerin empfängt in einem unscheinbaren Büro im ehemaligen Gerätehaus ihres Hofs. Nicolette Waechter, geborene Almeida, ist Spross einer Adelsfamilie, die den See von Napoleon geschenkt bekam. Bis dahin hatte er fast ein Jahrtausend lang zum Benediktinerkloster Mondsee gehört, das 1791 aufgelöst wurde. Frau Waechter hat auf dem Höribachhof, einem ehemaligen Meierhof des Klosters, ihr eigenes "Kulturgut" errichtet. Sie veranstaltet dort Ausstellungen, Seminare und Kinderfreizeiten. Warum will sie ihren schönen See auf einmal loswerden?

"So ein großer See ist für eine Privatperson doch ein sehr unübersichtlicher Besitz", sagt Nicolette Waechter. "Sieben angrenzende Gemeinden, zwei Bundesländer, 500 Nachbarn…" Sie sei eben eher ein Kulturmensch und habe es satt, sich mit Lokalpolitikern herumzuschlagen, die Straßen verbreitern wollen und jüngst einen riesigen Supermarkt direkt ans Ufer gebaut haben, statt, wie sie vorgeschlagen hatte, ein Freilichtmuseum für die prähistorischen Pfahlbauten am See.

Vom Ufer gehören nur noch Teile der "Gräfin", wie sie hier genannt wird, obwohl die Adelstitel längst abgeschafft sind. "Dafür taucht immer wieder mal ein neuer Streifen auf, von dem ich nicht wusste, dass er mir gehört", sagt sie belustigt. Waechter ist Mitglied bei den Grünen und hat jahrelang versucht, den See vor Verbauung zu schützen. "Aber ich kann meist nichts verhindern, nur ein bisschen Ärger machen." Selbst über die Wasserfläche, die ihr gehört, kann sie nicht gebieten. Mit Ausnahme der Pacht für Stege und Bootshäuser und eines alten Fischereirechtes, das sie nicht nutzt, gebe es kaum Vorteile für eine Seebesitzerin. Als Waechter vor zwölf Jahren den privaten Motorbootsverkehr verbot, machte das Verfassungsgericht den Beschluss rückgängig. Es berief sich auf einen k. u. k. Vertrag von 1860, mit welchem ihre Urgroßmutter den Booten freie Fahrt gewährt hatte. "Das hat mich viel Geld gekostet." Zwei Jahre danach verbot das Land Oberösterreich von sich aus den Motorbootsverkehr.

Viel "Gscher" also, wie man hier sagt, "und wenig Freud’". Waechter will sich auf die Kunst konzentrieren, teils in Berlin leben und deshalb den See verkaufen. "Außerdem habe ich nie Geld." Als Erstes hat sie den See dem Land Oberösterreich angeboten. Doch ein See drückt auf den Etat, und so hat sie der Landeshauptmann gleich an die "Bundesforste" verwiesen, eine aus dem Staat ausgegliederte Gesellschaft, die viele andere Seen in Österreich verwaltet. Sie hat ihr angeboten, den Mondsee erst mal zwei Jahre gratis zu übernehmen, um zu sehen, was sich herausholen lässt. "Was hätte ich davon gehabt?", meint Waechter. "Das waren unangenehme Partner."

Seitdem gehen sehr viele Anfragen ein, "von Russland bis Abu Dhabi", auch bayerischer Adel habe Interesse bekundet, sagt die Seebesitzerin. 16 Millionen Euro möchte sie haben, "natürlich mit einem attraktiven Seegrundstück dazu". Bis Ende des Jahres will sie sich mit der Entscheidung Zeit lassen, auch weil der älteste Sohn mit ihren Plänen nicht ganz einverstanden ist.