Gibt es die Wahrheit der Kunst? Ja, es gibt sie, aber es gibt sie nicht mehr für uns. Die Wahrheit eines Werks, davon war der Germanist Karl Robert Mandelkow überzeugt, enthüllt sich allein in der Geschichte seiner Wirkungen. Erst wenn diese Geschichte abgeschlossen und die Deutung zur Ruhe gekommen ist, wenn uns die Interpretationen eines Gedichts, eines Dramas oder eines Romans in all ihren Widersprüchen vor Augen stehen – dann ist das Rätsel des Werks gelöst, und dann liegt sein Geheimnis offen zutage. Bis dahin mögen wir uns in Bescheidenheit üben, in mentaler Askese. Wir sollten es aufgeben, einem Werk eine letzte Wahrheit abzupressen und seinen unerschöpflichen Reichtum unserem Vorverständnis gefügig zu machen.

Diese Wirkungsästhetik, die Mandelkow, damals Lektor an der Universität Amsterdam, in programmatischen Aufsätzen entwickelte, blieb selbst nicht ohne Wirkung und Widerhall. Was sie dem Werk an überzeitlich gültiger "Wahrheit" nahm, das schlug sie dem Leser zu, seinen zeitbedingten Interpretationen, seinen Interessen und Einsprüchen. Doch die Wirkung der Wirkungsästhetik versteht man erst, wenn man sich die akademische Machtzone vor Augen führt, gegen die sie gerichtet war. Mandelkow wollte die Zitadelle der autoritären Germanistik erschüttern, die Trutzburg einer antiquarischen Wissenschaft, die – wie die Staiger-Schule – die Klassik zur Bildungsreligion verkitscht und im Weihrauch erstickt hatte. Nicht ganz zu Unrecht witterte Mandelkow darin den Geist einer Germanistik, die mit einem Bein noch im Vorfaschismus stand und sich durch blinde Goethe-Verehrung "von der Kollaboration mit dem braunen Ungeist reinwaschen" wollte. Vor dieser Art Schadensabwicklung sollte die Klassik geschützt werden, und so lautete Mandelkows Losung: Vielfalt der Lesarten, Kritik an der Musealisierung, an der Rede von Einfühlung, von ewiger Schönheit und zeitlosem Kunstgenuss. Goethe sollte neu gelesen und historisch neu "geerdet" werden. Dem Programm folgten Taten, zunächst die vierbändige, zusammen mit Bodo Morawe veranstaltete, editorisch wegweisende Ausgabe von Goethes Briefen.

Ganz im Geist seiner Rezeptionstheorie verfasste Mandelkow, inzwischen Professor an der Universität Hamburg, mit Goethe in Deutschland (C. H. Beck) eine großartige Dokumentation der deutschen Geistesgeschichte, eine zweibändige, meisterlich geschriebene Chronik von Goethes Gebrauch und Missbrauch, von abgründiger Verkennung und fataler Vereinnahmung. Goethe in Deutschland verriet eine maßlose Kenntnis und eine maßlose Zuneigung zum Gegenstand, eine Liebe zum "Inkommensurablen" des Weimarer Genies. Mandelkow überblendete Zeitgeschichte und Literaturgeschichte, und was er mit funkelnder Klarheit betrieb, war kaum anderes als eine große Rehabilitierung: Goethes missbrauchtes Werk sollte dem Publikum zurückgegeben werden – aber nicht als entrücktes Objekt stumpfer Verehrung, sondern als Kunst, die ihren Gehalt erst im Licht kritischer Deutungen freigibt. Bei seinen legendären Vorträgen gelang Mandelkow selbst ein Kunststück. Wie ein Kristall spiegelte er Goethes Werk in der Vielzahl der Stimmen, im Urteil der Nachfahren – aber ohne es darin verschwinden zu lassen oder durch erpresste Zeitgenossenschaft seiner Fremdheit zu berauben. Denn die Aktualität eines Werkes besteht nicht in dem, was uns ähnlich ist; sie besteht in dem, was uns von ihm trennt.

Die Rezeptionsästhetik ist elegant und elastisch, sie ist demokratisch und verleiht dem Leser ein Mitspracherecht. Und doch leidet sie, wie Mandelkow rechtzeitig gesehen hat, an einem Makel – das Stigma des Relativismus ist ihr auf die Stirn geschrieben. Denn wenn die Wahrheit eines Werks nichts anderes ist als das aufgeschlagene Buch seiner historischen Lesarten, dann besitzt es selbst keinerlei symbolische Substanz, keine eigene "Realität". Ein Kunstwerk wäre nur eine Hohlform, ein schöne Okasion für Interpreten – während sich seine "Wahrheit" in der Willkür der Deutungen vergleichgültigt, im Nichts beliebiger Projektionen und in den Kriterien der Saison. Gegen diesen Relativismus hat sich Mandelkow mit einem Argument des Philosophen Walter Benjamin gewappnet. Die Wirkungsgeschichte eines Kunstwerks, lehrte er, enthülle nicht beliebige Sinneffekte sondern Sinnschichten, die früheren Lesern verborgen bleiben mussten. So haben Generationen von Germanisten und Deutschlehrern Goethes Wilhelm Meister als artigen Bildungsroman gelesen, an dessen Ende der Held in heroischer Subalternität sein Schicksal willig bejaht. Mandelkow las den Roman, auch Goethes Faust, ganz anders, nämlich als Verlustgeschichte, als Disziplinierung durch die heraufziehende Moderne. Für ihn hat Goethe den Geist der bürgerlichen "Oeconomie" und das "Zeitalter der Einseitigkeiten" schon früh durchschaut, und in Figuren wie Mignon und Harfner habe er dieser Moderne die Rechnung aufgemacht. Gewiss, die romantische Gestalt des Lebens war alt geworden, sie musste zu Ende gehen. Aber das Neue war nicht nur Verheißung, es war auch: Gewalt.

Geduldig und mit der ihm eigenen Brillanz erklärte Mandelkow seinen linken Kollegen und Bilderstümrern, dass sie die Klassiker erst mal gelesen haben sollten, bevor sie an deren Sockel sägen. Der konservativen Germanistik hielt er die falschen Prätentionen vor, überhaupt die Indienstnahme der Klassik als Traditionsdekor zur Aufrüstung des beschädigten Nationalbewusstseins. Heute scheinen sich die alten Fronten aufgelöst zu haben, und auch die Liebe zur Rezeptionsgeschichte hat sich stark abgekühlt. Für Mandelkow war das ein Zeichen für nachlassende Neugier auf den Gegenstand, für schwindendes Interesse daran, in "einer anderen Zeit auch die eigene Zeit" erkennen zu wollen.

In der Tat, heute gibt es andere Verlockungen. Einige Germanisten liebäugeln damit, ihr Fach ins Lager der siegreichen "Lebenswissenschaften" umzusiedeln, um die Literaturgeschichte als evolutionäre Ausfaltung der Naturgeschichte erklären zu können. Andere wiederum suchen in der Literatur nach ästhetischen "Präsenzeffekten" zwecks Aufhübschung einer öden Gegenwart, der der Zukunftsglauben abhandengekommen ist. Dagegen war Mandelkows Projekt auf pathetische Weise altmodisch. Er betrieb Literaturwissenschaft als Erkenntnis – als Schatzsuche in der Lava der Überlieferung, auf der Suche nach einem letzten Stückchen Glut. Am 6. August ist Karl Robert Mandelkow, wie die Universität Hamburg am Montag mitteilte, im Alter von 81 Jahren gestorben.

Foto [M]: Hamburger Hochschulzeitung