Ich habe einen Plan zu einem neuen Romeo gemacht, Gott bewahre einen vor der Idee, ihn auszuführen", schrieb der 18-jährige Goethe 1767 an einen Jugendfreund. Doch Gott konnte Goethe nicht von dem Plan abhalten, und so kam der Geheimrat fast 50 Jahre später in Weimar zu seiner eigenen "von allem Fremdartigen gereinigten" Fassung. Shakespeares weltbekanntes Liebesdrama reizte auch andere zu Bearbeitungen. Englische Wanderbühnen machten aus dem Stück eine derbkomische Pantomime. Und bis ins 19. Jahrhundert wurde Romeo und Julia auf vielen deutschen Theatern gespielt – mit einem guten Ausgang.

Fragt man Pavol Liska und Kelly Copper vom New Yorker Nature Theater of Oklahoma, welches Ende nun das richtige sei, erhält man keine Antwort. Und wenn der strebsame Kritiker daraufhin ankündigt, dann werde er Shakespeares Fassung eben noch einmal lesen, wird Pavol Liska streng: "Der Witz ist, nichts davon zu lesen. Shakespeares Version ist nur eine von vielen. Denn was ist die Autorität Nummer eins für diesen Text? Gott? Was ist seine Version von Romeo und Julia?"

Das Regieteam des Nature Theater of Oklahoma muss es wissen. Beide sind so etwas wie die ungekrönten Romeo und Julia- Stoffsammler der Shakespeare-Forschung. Für ihre Uraufführung von Romeo And Juliet zur Eröffnung des Hamburger Sommerfestivals auf Kampnagel haben sie 30 Freunde am Telefon gebeten, ihnen aus dem Stegreif die Geschichte von Romeo und Julia zu erzählen. Die Geschichte? Zwar kann sich niemand von diesen 30 an ein glückliches Ende erinnern, doch sonst ist eigentlich alles möglich. Für den einen ist Romeo ein Masturbationsheld, für den anderen ein Frauenschwarm. Aber waren die beiden wirklich erst 13? Starben am Ende alle – oder war das bei Hamlet? Und vor allem: Gab es Sex? Je weniger man an einer Version von Romeo und Julia festhält, desto größer wird das Staunen über das Leben der Geschichtenerzähler. Einer hat sich in seine Klassenkameradin verliebt, weil sie im Schwimmunterricht Romeo und Julia gelesen habe, ein anderer verbindet das Stück sogar mit dem 11. September.

Was wäre die Weltliteratur ohne Menschen, die sich an sie erinnern? Vom Leben eines einzelnen, gewöhnlichen Menschen zu erzählen sei mehr wert als der ganze Goethe, meint der Regisseur Alvis Hermanis. Das Kunststück von Pavol Liska und Kelly Copper dagegen ist es an diesem Abend, Shakespeare gewöhnliche Menschen an die Seite zu stellen und weder den einen noch die anderen dabei zu beschädigen. Die Wahrheit der Literatur, so sind beide überzeugt, ist ihr Leser.

Die Telefongespräche liefern die Grundlage für 90 Minuten im besten Sinne armes Theater. Zwei Schauspieler schlüpfen in die Rollen der 30 Angerufenen und steigen dafür abwechselnd auf ein schmales Holzpodest, jeder Auftritt ein Telefonanruf. Der eine, Robert M. Johanson, trägt mit großer Würde eine Kombination aus einer schwarzen Strumpfhose und einem schwarzen Rollkragenpulli, seine Schuhe sind mit einer prähistorischen silbernen Schnalle verziert. Und bei Anne Gridley wird unter ihrem roten Tüllkleid mit grüner Schleppe der Ansatz eines ziemlich zeitgenössischen schwarzen BHs sichtbar. So künstlich wie die Kostüme sind auch das übertrieben deutliche Englisch, das die Schauspieler sprechen, und die affektierten Gesten, die jedes nacherzählte Telefongespräch begleiten. Doch diese Künstlichkeit hat Methode – sie zitiert ein Theater, in dem die Geschichten im Vordergrund standen und das nie vergaß, dass es nur Theater war.

Der 30. und letzte Erfahrungsbericht ist der eines Missmutigen, der Romeo und Julia am Tag zuvor gelesen hatte und sich schon nicht mehr an alle Details erinnern konnte. Danach begegnen sich in den letzten 20 Minuten Romeo und Julia plötzlich auf der Bühne. Zögernd reden sie über ihre eigenen Erfahrungen in der Pubertät ("Ich war 19, als ich das erste Mal Sex hatte") und üben scheu einen Kuss. Bald diskutieren sie, ob die Liebe von Romeo zu Julia nicht so grenzenlos und voller Gefahren sei wie die Liebe einer Theatergruppe zu ihrem Publikum. Und lasse sich Shakespeare heute nicht besser verstehen als vor 400 Jahren, als er noch lebte und in seinen Stücken nur Engländer auftraten? Die Inszenierung schaut sich auf den Kopf und verwandelt sich in köstliches absurdes Theater. Nach langem Applaus sprechen die Schauspieler am Ende noch einmal aus dem Dunkel der Fabrikhalle. Diesmal die Original-Balkonszene aus Shakespeares Romeo und Julia, in ganzer Länge. Der "neue Romeo" des Nature Theater of Oklahoma ist ziemlich alt. Eine gute Portion Hollywood steckt in ihm, einiges von Shakespeare und vielleicht sogar ein bisschen von Goethe.