Einspruch, der Staat ist gar nicht das Opfer! Er schrumpft nicht zu Tode, weil globale Systeme unaufhaltsam wachsen und ihn aushebeln. Vielmehr findet eine "Neuverteilung der Macht innerhalb des Staates" statt, und die Exekutiven – also die Regierungen, die gemeinhin längst für ohnmächtig gelten – gewinnen dafür Macht über andere Bereiche der politischen Steuerung. Das Nachsehen haben die Parlamente.

Das Paradox des Nationalen: Saskia Sassen dekonstruiert auf grandiose Weise Simplifizierungen wie die vom Nationalstaat als Alternative zur Globalisierung. Ihre Weltinspektion ist eine geglückte Herausforderung, die man freilich nicht immer nur abnickt. Es sei keine Übertreibung zu sagen, Saskia Sassen sei "eine der führenden öffentlichen Intellektuellen der Welt", bescheinigt der Princetoner George Lawson der Kollegin von der New Yorker Columbia-Universität und der Londoner School of Economics. Er fügt – mit Witz – hinzu, wenn ihr Buch ein Film wäre, würde er sicher für mehrere Oskars nominiert. So weit nämlich ist die Bandbreite ihrer Interessen, Argumente und Methoden.

Saskia Sassen verteidigt weder die Globalisierung, noch bejammert sie diese. Sie liefert eine originäre, vor allem aber grundsätzlich plausible andere Lesart des inzwischen Vertrauten. Und ihre Art zu "lesen" ist eine beträchtliche Verständnishilfe, gerade weil sie sich auf die Komplexität einlässt. Zweifellos, argumentiert sie, finde eine dramatische Entnationalisierung statt. Nur sei das nicht Folge von Globalisierungsprozessen und Machtverlagerungen hin zu internationalen Organisationen, seien es WTO (Welthandel), IMF (Währung) oder Nichtregierungsorganisationen, vielmehr veränderten sich die Nationalstaaten selber, und dies habe dann wieder Rückwirkungen auf die internationalen Organisationen.

Zum Beleg ihrer These von der "Neuverteilung der Macht" innerhalb des Nationalen holt sie weit aus, weit im Max Weberschen Sinne: Sie beginnt bei den französischen Kapetingern vor knapp tausend Jahren, wandert über Maria Stuart und die Päpste im Mittelalter nach Bretton Woods und bis zum 11. September 2001; Patriot Act, europäischer Pass oder digitalisierte Finanzmärkte werden auch berücksichtigt. Man liest und staunt über das profunde Wissen, ob es nun eigene Analysen oder Übersichten über die Forschungslage sind, manchmal glaubt man, sich mit ihr im Detailwald zu verirren, wird von dort aber wieder auf lichte Höhen der Abstraktion und der großen Linien geleitet.

In den mittelalterlichen Städten erkennt sie zwar manchmal Spuren des Heutigen. Die modernen Staaten jedoch, die mit transnationalen Märkten, internationalen Organisationen, mobilen Expertenklassen und digitaler Technologie ohne jede Staatsgrenze konfrontiert sind, weisen keine Parallelen zum "Feudalstaat" auf. Er verfügte seinerzeit über "zentripetale" Kräfte, zentrale Autoritäten, festes Territorium, auf die Nation bezogene Rechte. Heute seien die Kräfte in den modernen Nationalstaaten, so ihr Begriff, mittlerweile "zentrifugal". Sie führen nicht zusammen, sie sprengen auseinander. Von innen. Das ist der große Widerspruch zum gängigen Bild von der Globalisierung, die von außen die Nationalstaaten okkupiert. Von daher prognostiziert sie gleichsam beiläufig, normative Ordnungen wie die Religion würden wieder große Bedeutung annehmen. Dies sei aber "kein Rückfall in ältere Kulturstufen", also nicht archaisch, sondern eine Antwort auf dieses "Zentrifugale".

In drei großen Schritten verfolgt Saskia Sassen den historischen Prozess. Sie schreibt damit die Geschichte einer Verkomplizierung. Wenn die Staats-, Wirtschafts- und Rechtsverhältnisse komplexer sind, muss es auch die Soziologie werden, die sie ergründen will. Mit der Entstehung des "Nationalen" in Europa beginnt sie, befasst sich dann mit seiner Demontage, vor allem in Amerika nach 1945, um schließlich zur Jetztzeit und zu dem zu kommen, was sie – etwas umständlich – "Assemblagen eines globalen Zeitalters" nennt. Erinnert wird man dabei an ihre letzte, ähnlich fulminante Großuntersuchung über Die globale Stadt. Während den Nationalstaaten Steuerungskapazitäten abhanden kommen und eine globale, privatwirtschaftliche Ökonomie entsteht, werden Wirtschaftsprozesse von etwa vierzig solchen Weltstädten aus navigiert. Und globale Unternehmen wirken hinein ins Sozial- oder Bildungssystem, ja werden gelegentlich sogar normgebend, während der Staat den Einfluss darauf jedenfalls einbüßt.

Territorium, Autorität und Recht (TAR), die, um ihre Sprache zu benutzen, den Nationalstaat ausmachten, treten also in neuen Mixturen auf, und zwar nicht nur in global cities. In ihren Augen verkörpern die globalen Städte jedoch am besten die tausendfachen "Transformationen" und Verlagerungen, die Entnationalisierung, und man wird den Eindruck nicht los, dass diese Mega-Citys am plausibelsten die Metamorphosen widerspiegeln, denen sie auf die Spur kommen will. Hier übrigens beobachtet sie extremste Ungleichheiten, aber auch neue Chancen für die angeblich Ohnmächtigen. Und hier wird – kein Zufall – Saskia Sassen am politischsten. Globale Städte betrachte sie als strategisch entscheidenden Ort für einen "neuen Typus politischer Akteure und Projekte", schreibt sie denn auch.