Vergangenheitsbewältigung ist ein tückisches Wort. Seine Wahrheit liegt darin, dass die Vergangenheit, sprich: der Nationalsozialismus und die Schoah, nicht ad acta gelegt werden können. Sie bleiben gegenwärtig in ihren Folgen und in der emphatischen Erinnerung an die Opfer. Seine Unwahrheit ist das Ziel, das dem Wort selbst eingeschrieben ist: Mit einer bewältigten Vergangenheit wären wir fertig. Sie wäre kein Problem der Gegenwart mehr.

Zwischen diesen beiden Polen einer Aufarbeitung, die sich der Erinnerung und den Folgen des Nationalsozialismus stellt, und einer Abwehr, die vergessen machen möchte, schwankt die Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Sie in einem Lexikon zu erfassen scheint kaum möglich, ist den 62 Autorinnen und Autoren des Bandes Vergangenheitsbewältigung in Deutschland aber vorzüglich gelungen. Der Grund liegt in der hohen Qualität der 170 Einträge, vor allem aber in der Systematik des Lexikons. Es ist in sechs Zeitabschnitte gegliedert, in deren Darstellung die einzelnen Einträge thematisch geordnet sind.

So werden sowohl die historischen Abläufe als auch die systematischen Zusammenhänge deutlich. Zugleich können die einzelnen Einträge durch das Register nachgeschlagen werden. Sie thematisieren Bücher und Filme, öffentliche und wissenschaftliche Kontroversen, Strafprozesse, Kriegsheimkehrer, Gedenkstätten und vieles andere mehr. Man vermisst nur einen Eintrag, der dem tückischen Sinn des Wortes Vergangenheitsbewältigung seit seiner Erfindung in einer evangelischen Akademie 1955 nachgeht. Klaus Holz