Maria erwacht aus einer traumlosen Nacht. Es ist sechs Uhr morgens, sie hat wenig geschlafen, doch ihre Müdigkeit scheint sie jetzt nicht zu spüren. Draußen vor dem Busfenster zieht ihre Vergangenheit vorbei. Maria beugt ihren Kopf ganz nah an die Scheibe, ihre Nasenspitze berührt fast das Glas. Sie schaut zur Konservenfabrik, in der sie bis vor sechs Jahren gearbeitet hat, kein Arbeiter ist zu sehen, die Fenster sind zerborsten, der Wind bläst den Staub über den verlassenen Hof. Die Molkerei nebenan ist auch geschlossen, genau wie die Tierfutterfabrik gegenüber. "Katastrophe", sagt Maria und wiegt langsam den Kopf hin und her. Dabei ist sie nicht ganz unschuldig daran, dass es so gekommen ist.

Maria ist zu Besuch in ihrem Heimatdorf Tovtry im Südwesten der Ukraine. Sie hat es verlassen, weil sie in Deutschland zwanzigmal so viel verdient wie hier. Viele im Dorf sind wie sie ins Ausland gegangen, es ist niemand mehr da, der in den Fabriken arbeiten wollte. Die 41 Jahre alte Maria lebt jetzt in Berlin, zweimal im Jahr setzt sie sich in einen Minibus, einen Tag später ist sie wieder bei ihrer Familie. Eine seltsame Wandlung vollzieht sich dann mit ihrer Person, dann ist sie nicht mehr Maria, die Putzfrau, sondern Maria, die Reiche aus Deutschland – und Maria, die Mutter.

Diesmal hat sie mich mitgenommen. Maria ist meine Putzfrau. Am Morgen der Abfahrt kam sie zum ersten Mal nicht in meine Wohnung, um dort Ordnung zu schaffen, sondern um mich abzuholen und mir ihr Zuhause zu zeigen. Oft hat sie mir von der Ukraine erzählt, von den Feldern rund um ihr Haus, die sie bei ihren Besuchen mit der Hand bestellt, von den Gänsen im Garten, die sie selbst schlachtet. Ihr Zuhause liegt nur eine Zeitzone weiter östlich, doch in ihren Erzählungen hörte es sich an, als läge es in der Vergangenheit. Sie scheint dort ein Leben zu führen, wie ich es aus den Kindheitserinnerungen meiner Großmutter kenne. Wenn Maria dann weitererzählte, von ihren beiden 14 und 20 Jahre alten Töchtern aus erster Ehe, die mit der Oma noch in Tovtry wohnen, brach sich ihre Stimme. Sie konnte die Mädchen nicht nach Berlin holen, weil ihr Einkommen für eine Familienzusammenführung immer zu niedrig war. Und so lebt sie hier, und ihre Kinder leben dort.

Jede Woche treffen Maria, die Ukrainerin, und ich, die Deutsche, für drei Stunden in meiner Wohnung aufeinander. Maria kennt jedes Detail meines Lebens, jede Schublade, jeden Schrank, sie sieht die Gehaltsabrechnungen auf meinem Schreibtisch, sie weiß, welche Farbe mein Nachthemd hat. Sie weiß persönlichere Dinge über mich als einige meiner besten Freunde. Nun will ich ihr Leben kennenlernen. Ich mache einen Hausbesuch bei meiner Putzfrau.

Maria hatte mich vorher gewarnt: "Wenn du einmal mitgefahren bist, wirst du es nie mehr wieder tun." Ich ahne, warum sie das sagt, als ich den Wagen sehe: Ein anthrazitfarbener Kleintransporter steht da, mit zwei Sitzreihen, einer vorn beim Fahrer, einer dahinter. Die Fenster sind mit grauer Folie beklebt, sodass von außen keiner hineinsehen kann und wir drinnen kaum Licht haben. Der Laderaum hinter der Sitzbank ist bis unters Dach vollgepackt, nur ein grobmaschiges Netz hält Kühlschränke, Fernseher, Taschen und Waschpulver davon ab, auf unsere Köpfe zu fallen. Eingepfercht in diesen dunklen Blechkasten, werden wir ganz Polen und die halbe Ukraine bis fast nach Rumänien durchqueren. Wir sind zu sechst: der Fahrer Ivan, ein Freund von ihm, der 14-jährige Stanislav, der seit ein paar Jahren in Berlin lebt und seine Großmutter in der Ukraine besucht, Maria, die Fotografin und ich. 20 bis 30 Stunden wird die Fahrt dauern, sagt Maria, je nachdem, wie lange wir an der Grenze warten müssen.

Maria setzt sich auf die Rückbank und legt die Hände in den Schoß. Sie trägt eine bequeme Jerseyhose für die lange Fahrt und ein T-Shirt, das sich um ihre kräftigen Oberarme spannt. Seitdem sie vor sechs Jahren zu putzen begonnen hat, passen ihre alten Ringe nicht mehr über die Finger. Maria ist Krankenschwester, aber in dem Beruf hat sie lange nicht mehr gearbeitet, weil sie damit in der Ukraine zu wenig verdient hat.

Es ist eine besondere Reise für Maria, nicht nur weil sie mir ihr Zuhause zeigen will. Am Sonntag nach unserer Ankunft feiert Marias Mutter ihren 75. Geburtstag, Nachbarn und Verwandte werden kommen. Maria hat ein halbes Dutzend Taschen mit Geschenken dabei. Sie nimmt eine Kühltruhe und eine Spülmaschine mit nach Hause, weil es diese Geräte nirgendwo in der Gegend um ihr Dorf so billig gibt. Nach und nach richtet sie ihr Haus in der Ukraine neu ein und renoviert es, vor allem, damit ihre Töchter ein Zuhause haben, in das sie immer zurückkehren können. Maria findet das wichtig; sie selbst hat zwei gescheiterte Ehen hinter sich. Zwar ist sie in der Gegenwart nicht für ihre Töchter da, dafür schenkt sie ihnen eine Zukunft.

Während der langen Fahrt haben wir viel Zeit, uns zu unterhalten. Wenn man mit Ausländern spricht, kann einen deren Bild vom eigenen Land sehr erstaunen, der Blick von außen reduziert eine ganze Nation auf ein paar typische Details. Für Maria ist Deutschland ein reiches Land, das es sich leisten kann, seine Bewohner fürs Nichtstun zu bezahlen. Sie erzählt von ihrem deutschen Mann Theo*, seit zwei Jahren lebt sie von ihm getrennt. Während ihrer vier Jahre andauernden Ehe hat meist nur Maria gearbeitet. Theo, Diplomingenieur, bezog Hartz IV. Maria sagt, er habe sie belächelt, weil sie schon morgens um fünf zu ihrer ersten Putzstelle aufbrach. Einmal sagte er zu ihr: Ich schlafe aus und habe fast genauso viel Geld wie du. Maria schüttelt den Kopf, als sie das erzählt. Dann sagt sie: "Katastrophe." So, wie sie redet, hört sich ihr Leben an wie eine Aneinanderreihung von Unglücksfällen.

Vieles in den letzten Jahren lief nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie ist ausgezehrt von den Diskussionen mit ihrem Mann, vom Kampf mit den Behörden um den Nachzug ihrer Kinder. Egal zu welcher Tageszeit, Maria hat Schatten unter den Augen, ihre Haut ist blass und dünn, fast kann man hindurchschauen.