Land. Fluss. Meer. Damit wäre die Richtung angegeben. Die Handlung des sich weit verzweigenden Romans beginnt in der vermutlich zweiten Märzwoche des Jahres 1838 in einem Dorf östlich von Benares am Oberlauf des Ganges und fließt mit ihm Hunderte Kilometer nach Süden, hält inne im Hafen von Kalkutta und treibt dann in den Golf von Bengalen hinaus, hat nur noch das offene Meer vor sich, ein Wasser, "so dunkel und still wie die Schatten im Schlund eines Abgrunds", wie es bange heißt.

An diesem Punkt – wenn man einen Ozean denn einen Punkt nennen will – sind alle Leinen zum indischen Subkontinent gekappt. Niemand, der sich auf dem Schiff befindet, ist noch, was er war, als der Roman begann, jeder einzelne dieser Menschen – es sind Auswanderer, Kulis, Sträflinge – wird sich jenseits der letzten Seite dieses Buches von Amitav Ghosh neu erfinden müssen, was für das Ende eines 619 Seiten starken Buches eine nette ironische Wendung ist. Das Schiff heißt übrigens Ibis. Auf den ersten Seiten des Buches erscheint die Ibis als eine Vision mit knallenden Segeln, die auf dem Wasser die Gestalt eines Vogels annimmt, welcher der Handlung vorauszufliegen scheint. Das Schiff hat auch viel Vergangenheit, als Sklavenschiff, ihm ist schon eine Rolle im Opiumkrieg bestimmt, der unmittelbar bevorsteht, womit der Bug schon mehrfach tief eingetaucht ist in die Geschichte des englischen Kolonialreichs.

Wie gesagt, dies ist der neue Roman von Amitav Ghosh, und er hat drei Teile: Land, Fluss, Meer.

Das Buch heißt Das mohnrote Meer und ist der jüngste einer ganzen Reihe von Ghosh-Romanen, die in die Vergangenheit seiner Heimat führen. Ghosh ist wie Salman Rushdie und Kiran Nagarkar einer der fulminanten Erzähler Indiens. Die Unerschrockenheit, mit der diese Autoren Hunderte Jahre als Sujet umzirkeln und ein Personal aufstellen, als gelte es, den nächsten Bollywood-Film zu bevölkern, macht sie zu Bestseller-Autoren, gerade in Europa, das nicht reich ist an einer Literatur, die sich ein weites Erzählpanorama zutraut. Sie schreiben mit einer Welterfahrung, die in der Unermesslichkeit des indischen Subkontinents verankert ist und in seiner jahrtausendealten Kultur, sie erwächst aus der Dichte von Menschenmassen, in denen das Schicksal des Einzelnen wenig zählt, der nach oben gespült wird oder gnadenlos untergehen kann in einem Gewirr von Absichten, Leidenschaften, Zufällen oder auch nur Pech. Ghosh beginnt seinen Roman mit der Bäuerin Diti, die ihre fruchtbaren Getreidefelder wie die aller Nachbarn in ein Meer von Mohnblüten verwandelt sieht, eine Frucht, von der nur die Kolonialherren satt werden, und deren Mann, als Krüppel aus den Kriegen der Briten heimgekehrt, sich in der örtlichen Sudder Opium Factory verdingt. Ihr Leben wird zerbröseln, unter dem Einfluss von Sucht, Armut, Intrigen. Wie auch die Existenz von Nil Rattan Halder, als Raja von Rashkali am oberen Ende der sozialen Hierarchie platziert, vollkommen aufgerieben werden wird, zum Erstaunen dieses kultivierten Mannes, der sich auf die Opiumgeschäfte der Kolonialherren einließ, um seinen großartigen Lebensstil zu finanzieren, ein Spielball von Interessen, die er nicht überblickt.

Ghosh inszeniert das ohne Sentimentalität. Bei aller Liebe zum Detail für den Alltag der Bauern oder das luxuriöse Gewebe hauchzarter Dhotis sind die Figuren in den unbarmherzigen Ritualen ihrer Gesellschaft gefangen, in Frauenverachtung und borniertem Kastendenken. Ganz anders jene Lebensentwürfe, mit denen die Ibis in diese Geschichte hineinsegelt. Die Ibis steht unter dem Kommando von Zachary Reid, dem Sohn einer Sklavin aus Maryland, der sich auf einer Überfahrt vom Zimmermann zum diensthabenden Offizier mit eigener Kajüte hochgehangelt hat. Der Eigner des Schiffs, ein Engländer namens Burnham, Sohn eines Holzhändlers, hat sich von der Gefängnisseelsorge zum Sklavenhandel vorgearbeitet, um mit Opium, später flexibel auf die Verschiffung von Kulis nach Mauritius umsattelnd, ein Vermögen zu machen. Der Schlagabtausch zwischen Reid, dem Sklavensohn, und Burnham, dem Sklavenhändler, ist eine der Szenen, die bleiben werden. Burnham ahnt nicht, wen er vor sich hat.

"Jawohl, Freiheit", sagte Mr. Burnham. "Das ist es doch, was die Herrschaft des weißen Mannes für die niederen Rassen bedeutet, oder nicht? … Denken Sie an die Lage des sogenannten Sklaven in den Carolinas, Reid – ist er nicht ein freierer Mensch als seine Brüder in Afrika…?" Zachary zupfte sich am Ohrläppchen. "Nun ja, Sir…"

Man möchte in diesem Buch nicht auf der Seite der Engländer erwischt werden. Ghosh zwingt sie mit Kälte, sich bloßzustellen, eitle Visagen mit hohlem Geschwätz. Das Gewebe des Textes ist historischem Gerüst aufgetackert, dessen große Linien sich deutlich abbilden. Die britische Herrschaft breitete sich über Handelsrouten aus. Sklaven wurden von Afrika nach Amerika verbracht, Baumwolle von Amerika nach Indien. Von Indien Opium nach China, von China kostbare Seide und Tee nach London. Als die Chinesen sich der Drogen mit einem Einfuhrboykott erwehren, kommt es 1839 zum ersten Opiumkrieg, der Abertausende von Toten kosten wird und den die Engländer bei Ghosh beiläufig als "kleinen Betriebsausflug" erwähnen, eine lästige Unterbrechung dieser göttlichen Geschäftemacherei.