Wer in Los Angeles den waghalsigen Versuch unternimmt, zu Fuß eines der besseren Stadtviertel zu erkunden, macht sofort Bekanntschaft mit dem amerikanischen Albtraum. Die schmucken Vorgärten sind mit Schildern übersät, die jedem, der unbefugt den Rasen betritt, "armed response" androhen. Die Kriminalitätsparanoia, die in den USA nicht erst seit den Terroranschlägen von 2001 grassiert, mag den Gast irritieren. Gleichwohl ist sie, wie der Soziologe David Garland in seiner spannenden Studie Kultur der Kontrolle analysiert, eine Antwort auf die Verwerfungen der spätmodernen Gesellschaft, die den Raubtierkapitalismus geboren hat, mit seinen Folgen aber nicht fertig wird.

Dieser Befund gilt nicht nur für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern auch für Europa, das Garland mit Ausnahme der britischen Inseln gar nicht auf dem Radar hat. Die Entwicklungen, die der Wissenschaftler beschreibt, können wir teilweise vor der eigenen Haustür beobachten: Private Wachdienste, die Berliner Schulen observieren, expandierende Sicherheitsindustrien und gesetzliche Neuregelungen bis hin zur umstrittenen Online-Durchsuchung machen deutlich, dass unsere "offene, poröse, mobile Gesellschaft" von Ängsten geplagt wird, die sie nur unter ständiger Ausweitung von Kontrollmaßnahmen in Schach halten kann. Umgekehrt schrumpft dabei allerdings die Freiheit jedes Einzelnen, der nicht nur potenzielles Überwachungsziel, sondern vor allem Akteur in einem Szenario allgemeinen Misstrauens wird.

Garlands Buch, das kurz vor der Terrorattacke von 2001 erschienen ist, legt auf gespenstische Weise die Logik der nachfolgenden Eskalation offen. In der Tradition Michel Foucaults schreibt Garland eine "Geschichte der Gegenwart", die Längsschnittverläufe sichtbar macht. Bis vor dreißig Jahren war das amerikanische Strafjustizsystem vom penal welfarism geprägt, der Auffassung also, dass in erster Linie sozioökonomische Schieflagen wie Armut, mangelhafte Bildung und Chancenungleichheit die Kriminalität befördern. Dem entsprach eine korrektionalistische Strafrechtsphilosophie, die das Profil des Täters im Blick und seine Wiedereingliederung zum Ziel hatte.

Diese wohlfahrtsstaatlich orientierte Strategie wurzelte im späten 19. Jahrhundert und verdankte ihre Langlebigkeit dem steigenden Wohlstand der Nachkriegsära. Doch die wirtschaftlichen Turbulenzen im Gefolge der Ölkrise 1973 und der gesellschaftliche Umbruch, der seit den sechziger Jahren das Bürgeridyll von der heilen Familie hinwegfegte, höhlten das Resozialisierungsideal aus: Seine stärksten Befürworter, die Vertreter der Mittelschicht, entzogen ihm das Vertrauen. Einerseits war ihre eigene Lebensplanung neuerdings mit erheblichen Risiken wie Arbeitsplatzverlust und Zerfall der Familie behaftet, was weitere Investitionen ins Wohl der Allgemeinheit auf den Prüfstand stellte. Andererseits nährte ein massiver Anstieg der Verbrechensrate den Verdacht, dass im Umgang mit den Tätern nichts funktioniere – nothing works.

Ironischerweise ebneten zwei verfeindete politische Lager der neuen zweigleisigen, auf Abschreckung und Prävention setzenden Verbrechensbekämpfung den Weg, die derzeit in der amerikanischen high crime society dominiert: Bürgerrechtsaktivisten forderten mehr Rechte und weniger Sanktionen für Gefangene und sorgten letztlich dafür, dass vor allem die Kriminalitätsopfer in den Fokus der Aufmerksamkeit gerieten, während Neokonservative eine "Null-Toleranz-Agenda" mit drakonischen Strafverschärfungen durchsetzten. Dieser Prozess, der das Resozialisierungsgefüge durch ein Regime des "Überwachens und Strafens" (Foucault) ersetzte, unterhöhlte auch den "Mythos vom starken Staat" und seinen exklusiven Anspruch auf Gefahrenabwehr und Pönalisierung. Heute ist jedermann aufgerufen, sich am Aufspüren suspekter Individuen zu beteiligen, sei es als Nachbar, Kinderarzt oder Supermarktkunde, der einen anderen beim Diebstahl erwischt und dafür eine Fangprämie kassiert.

Die umfassende Kommerzialisierung hat die Gerichtsbarkeit ebenso erfasst wie alle anderen Lebensbereiche. Kosten-Nutzen-Abwägungen bestimmen die konkrete Ausgestaltung einer Strafe ebenso wie die Privatisierung der US-Gefängnisse, die in erster Linie einer möglichst endgültigen Absonderung ihrer Insassen dienen.

Die Kriminologie zeigt dabei, wie David Garland nachweist, zwei Gesichter. Sie interpretiert Täterschaft entweder nach dem Motto "Gelegenheit macht Diebe" und unterstreicht damit, dass jeder Staatsbürger selbst dafür verantwortlich ist, entsprechende Vorkehrungen zu treffen; oder sie dämonisiert die Delinquenten als "das Fremde" schlechthin, als Außenseiter und asoziale Schädlinge, die man dauerhaft aus dem Verkehr ziehen muss.