Was die Tiroler sich unter Genuss vorstellen: Sie verladen den Genusstouristen in einen vierräderigen Kasten, dessen Stoßdämpfer so klein sind wie seine Räder riesig, und starten eine Forstweg-Rallye, die gefühlte drei Stunden dauert. Dabei sind 100.000 Haarnadelkurven und 2000 Höhenmeter zu bewältigen. Der Tourist wird geschüttelt wie ein Eiswürfel im Mixbecher des Hotels Rössle in Galtür.

Hat er gegen alle Wahrscheinlichkeit die (Tor-)Tour überstanden, wird er an einem Fußpfad abgeladen, der ihn angeblich nach 100 Metern zu seinem Ziel bringt. Doch niemand bringt ihn. Auf allen vieren muss er sich bewegen, denn der Pfad ist ein Gämsenpfad, an dessen Rändern bunte Blumen an seine Vorgänger erinnern, die hier wegen Überanstrengung tot zusammengebrochen sind. Oder verhungert. Oder verdurstet.

Dass ihm dieses Schicksal erspart bleibt, erkennt er, sobald er sein Ziel, die Almhütte, erreicht, wo Weinflaschen im kühlen Schatten aufgereiht sind, sich Genießer unter strahlend blauem Himmel in Augenhöhe mit stattlichen Dreitausendern versammelt haben und dem Küchenchef des Hotels Trofana in Ischgl zusehen, wie er freihändig Tiroler Speckknödel rollt. Da weiß der Tourist, dass er bei den Galtürer Genusstagen angekommen ist, der schönsten Freiluft-Schlemmerei Österreichs.

Sie schlemmen aber auch unter Dach und Fach, die Tiroler. Dazu werden die Genießer am Abend wieder in einen Blechkasten verfrachtet, doch der hat keine Räder, sondern bewältigt die 2000 Meter Höhenunterschied mit Hilfe von Drahtseilen, an denen er nach oben schwebt. Oben heißt dies- mal schlicht "Alpenhaus", und dient einem Dichter und drei Musikanten als Bühne. Eine sehr überzeugende Bühne: hochalpine Architektur ohne schrille Effekte und auch sonst frei von der beliebten Alpen-Folklore, stattdessen gemütlich-rustikale, gut ausgeleuchtete Essräume, wo kulinarische Großtaten vor aller Augen vollbracht werden. Da formte der kleine Thomas Eierschwammerlravioli wie ein Profikoch, und Kim, die Koreanerin aus Wien, pfefferte ihren Oktopussalat, dass den Winzern (und nicht nur ihnen) die Tränen in die Augen traten.

Bei den Weinen stach der Blaufränkisch Moric 2002 von Roland Velich hervor, der mit seiner samtigen Fruchtigkeit der Großglockner unter Österreichs Rotweinen ist. Furore machten auch die delikaten Schweinskoteletts des Karl Schweisfurth aus den Hermannsdorfer Landwerkstätten, welche von Jörg Wörther à point gegrillt wurden und sich mit dem Grünen Veltliner der Jungwinzer Krutzler & Pichler ideal ergänzten. Auch der "Paradeiser-Kaiser" Erich Stekovics ließ Kostproben seiner beliebten Gemüse- und Fruchtkonfitüren probieren, und als die letzten Genießer im Dunkeln zu Tal schwebten, waren sich alle einig, dass sie im nächsten Jahr wieder bei den Galtürer Genusstagen dabei sein würden.

Hotel Rössle: Am Dorfplatz, A-6563 Galtür, Tel. 0043-5443/82320
Hotel Trofana: A-6561 Ischgl Nr. 334, Tel. 0043-5444/600
Restaurant Alpenhaus: Im Skigebiet, A-6561 Ischgl, Tel. 0043-5444/5270
Die Galtürer Genusstage finden jedes Jahr im Juli statt.