Behütet und geliebt wuchs sie als Einzelkind in einer strenggläubigen Familie auf. Enge Bindung an Heim und Familie, Standesbewusstsein und Frömmigkeit charakterisierten schon das Kind. Sonst ist über ihre Jugend nur wenig bekannt. Als sie mit 23 Jahren heiratete, war sie die zweite Wahl ihres Mannes. Schwärmerisch liebte er ihre bereits vergebene beste Freundin. Sie trat in sein Leben, als er nach einem ersten ausschweifenden Ausflug in die Gesellschaft hoch verschuldet und ohne Perspektive bei seinen Eltern gestrandet war. Unterschiedlicher hätten die beiden kaum sein können, dennoch entwickelte sich eine bemerkenswerte Liebe zwischen der bodenständigen jungen Frau und dem Tunichtgut, der sich auf manche Liebschaft eingelassen und sich durch Saufen und Duellieren hervorgetan hatte. Er war in der großen Welt zu Hause, sie ging nur ungern aus und war sehr heimatverbunden; er hatte mit der Kirche nichts im Sinn, sie hielt sich lebenslang an ihren pietistischen Glauben; er liebte glänzende Auftritte, sie war zwar eine gute Gastgeberin und lud fast allabendlich in ihr Haus, langweilte sich aber bei großen Gesellschaften und verabscheute das Protzen mit Schmuck und Kleidern. "Sie gehen morgen zum Hofdiner", schrieb eine Freundin, "ein großes Ereignis; ich möchte nur den alten Lappen sehen, den die teure Frau aus ihrem Kleiderspinte dazu hervorsucht und seelenvergnügt antut!" Sanft versuchte er, eine weltgewandte Dame aus ihr zu machen, bat sie Französisch zu lernen und sich Kleider aus Paris kommen zu lassen. Sie fügte sich seinen Bitten, wurde aber doch nie ganz Teil seiner Welt.

Seine erfolgreiche Karriere begann, als sie sich kennenlernten. Sie interessierte sich nur wenig für das, was er tat, sondern war sein "Anker an der guten Seite des Ufers" und vermochte ihm Ruhe und Kraft zu geben. In zahlreichen Briefen erstattete er ihr treulich Bericht über seine Arbeit. Sie ging in ihren Antworten darauf kaum ein, sondern erzählte von den drei Kindern, die kurz hintereinander zur Welt gekommen waren. Kam die Sprache jedoch auf Feinde, legte sie jede Zurückhaltung ab: "Ach bitte, bitte, bitte – nur keine Mäßigung, keine Milde, keinen Großmut gegen dieses Sündenvolk. Bitte Strenge bis zum Äußersten. Tod und Verderben Allen, Allen – Jung und Alt – nur die Wiegenkinder ausgenommen." Schwärmte ihr Mann von einer weiblichen Bekanntschaft, blieb sie gleichmütig, wenn es ihm nur gut ging. Als er eine Zurücksetzung erlebte, wurde sie ausfallend: "Das Alter eines Methusalem würde nicht ausreichen, um die Gefängnisstrafe abzusitzen, derer sich meine Frau täglich wegen Majestätsbeleidigung schuldig zu machen pflegt."

Wohl auch wegen ihrer reichhaltigen Küche war er der Kränkliche von beiden, dennoch starb sie vor ihm. Er trauerte tief und folgte ihr bald. Auf dem Sterbebett wünschte er sich: "Gott gib, dass ich meine… wiedersehe!"

Wer wars?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 34
Katia Mann (1883 bis 1980) war seit 1905 mit Thomas Mann verheiratet. Sie förderte die Entstehung seines literarischen Werkes und zog dabei sechs Kinder auf: Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Zitiert wurde nach Katia Mann: "Meine ungeschriebenen Memoiren" und nach der Biografie von Inge und Walter Jens: "Frau Thomas Mann"