Marxwalde heißt nicht mehr Marxwalde, sondern wieder Neuhardenberg, das gleichnamige Schloss ist wieder Schloss. Trotzdem darf die Karl-Marx-Allee, die am Schlosspark vorbeiführt, weiterhin Karl-Marx-Allee heißen, und an ihrem äußersten Ende steht, unbeeindruckt von der Wende, das steinerne Abbild des Philosophen. Wegräumen? Stehen lassen? Verhüllen? Kein Denkmalstreit und keines der unfeinen Argumente, mit denen sich im nahen Berlin während der letzten zwanzig Jahre die Geschichtsaufarbeiter bekriegten, scheinen dieses Denkmal angekratzt zu haben. Als könne Marx nur in aristokratischer Nachbarschaft würdig überwintern. "1818 bis 1883" steht auf dem Stein, so wie unter Tischbeins Ölporträt des Fürsten Karl August von Hardenberg eben die Lebensdaten 1750 bis 1822 verzeichnet sind.

In Leipzig scheint solche friedliche Koexistenz unmöglich. Seit Jahren streitet man dort um das bronzene Marx-Relief, das zu DDR-Zeiten das Portal der frisch hingeklotzten Karl-Marx-Universität zierte. Die Leipziger haben das Ding abwechselnd verteidigt und verteufelt. Es wurde mit Tüchern verhängt, abmontiert, zerlegt, eingemottet und bleibt, nun da es am Rande der Innenstadt wieder aufgestellt wird, heiß umstritten. Warum? Weil es 33 Tonnen wiegt? Weil außer dem Philosophen auch die von ihm prophezeite gerechte Gesellschaft dargestellt ist, die dann leider nur als Diktatur stattfand? Oder weil der propagandistische Titel Karl Marx und das revolutionäre und weltverändernde Wesen seiner Lehre einfach unerträglich ist?

Das Unerträgliche an Leipzig, jedenfalls für diejenigen, die unter der Diktatur gelitten haben, war in letzter Zeit die Selbstgefälligkeit der Marx-Fraktion. Man wollte den Zorn der Opferverbände nicht verstehen. Man weigerte sich, anzuerkennen, dass die in Bronze gegossene Lüge vom glücklichen Staatssozialismus noch immer geglaubt wird. Das kann einen ehemaligen politischen Häftling wie Erich Loest schon mal zu dem Vorschlag provozieren, 33 Tonnen "weltveränderndes Wesen" einzuschmelzen. Und wie reagierte die Marx-Fraktion in Stadt und Universität (die ihren sozialistischen Namen übrigens nach 1989 eilig ablegte)? Von oben herab, sozusagen vom Parteisekretärsstandpunkt: Höhnisch fragte man Loest, ob er etwa die Erinnerung an das SED-Unrecht tilgen wolle. Ob nicht mal Schluss sein könne mit dem Genörgel. Sonst meckerten doch alle, wenn die Marx-Büsten abgeräumt und die Paläste der Republik geschleift würden, jetzt sei wieder irgendwer unzufrieden.

Marx war kein Marxist, für stalinistische Morde im Namen des Kommunistischen Manifests ist er nicht haftbar. Aber ein Apostel der Zufriedenheit mit deutschen Zuständen war er erst recht nicht. "Die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre geistige Macht", schrieb er über Deutsche Ideologie . Seine Leipziger Verteidiger merken gar nicht, dass sie Meinungsmachthaber sind und ihre Entschlüsse als herrschender Ungeist empfunden werden.

Marx als Philosoph hätte Kritiker solcher Verhältnisse geschätzt. Solange die Kritiker aber abgekanzelt werden, funktioniert das Neuhardenberger Modell der sanften Geschichtssedimentierung nur in Neuhardenberg. Dort breitet ein alter Baum schützend seine Äste über das Denkmal, und die klassizistischen Statuen im Schlosspark von Marxwalde haben nichts dagegen.