Origami Mode

Tillmann Prüfer fragt: Warum tragen wir neuerdings so viele Falten?

Wenn junge abendländische Designer ihre ersten Erfolge feiern, dann meist nicht in ihrer Heimat, sondern in Japan. Nirgends in der Welt sind die Menschen so offen für modische Experimente. Kein Wunder, dass Modeschöpfer immer wieder nach Japan fahren, um sich inspirieren zu lassen. Zurzeit ist fernöstliche Inspirationskraft besonders groß. Die Mode hat das Origami entdeckt. Schon vor zwei Jahre hat John Galliano auf der Couture-Show von Dior ein Kleid präsentiert, das aussah wie ein Lampion. Nun wird überall gefaltet. Chloé hat eine Tasche im Angebot, die an ein Papierschiffchen erinnert, Prada zeigt Pumps, die mit gefalteten Fächern verziert sind, und der brasilianische Designer André Lima hat bunte Kleider entworfen, die eine gefaltete Krabbe, ein Faltkaninchen und einen Papier-Pinguin als Vorbilder haben.

So ungewöhnlich und futuristisch das wirken kann, wenn Frauen in Stoffen laufen, die aussehen, als seien sie noch im Schrank zusammengelegt – neu ist es nicht, dass Kleider gefaltet werden. In Japan ist die Kunst, Stoff zu falten, viel älter als der Brauch, Falzen in das Papier zu machen (was vor allem daran lag, dass es dort bis zum 6. Jahrhundert kein Papier gab). Während die Europäer ein halbes Jahrtausend weiter auf Zellstoff warten mussten, faltete man in Fernost schon wunderbare Kraniche daraus. Naheliegenderweise war es auch kein Europäer, sondern ein Japaner, der das Origami für die moderne Mode wiederentdeckte – und zwar schon lange vor Galliano. Bereits in den achtziger Jahren entwarf Issey Miyake Kleider, die ihre Form nicht durch Schnitte, sondern durch Faltungen erlangten. Miyake musste für diesen Einfall nicht einmal in Tokyo weilen, er hatte sein Studio in New York. Heute lebt er wieder in Japan und trägt sich mit anderen modischen Projekten. Etwa, wie man Wind in Kleidung darstellt. Dafür hat er einen Vakuumstaubsauger von Dyson auseinandergebaut, die Formen der Einzelteile auf Stoff übertragen und Kleidung daraus geschneidert, die aussehen wie ABC-Schutzanzüge. Das wird dann vermutlich in 30 Jahren bei uns Mode.

Falten können auch schön sein: Handtasche von Bottega Veneta, 2750 Euro

Foto ––– Peter Langer ZEIT magazin Leben