Wer in den unübersichtlichen hessischen Verhältnissen nach einer verlässlichen Größe Ausschau hält, wird schnell auf Tarek Al-Wazir aufmerksam. Mit seinen klugen Beobachtungen, der scharfen Analyse und einer gehörigen Portion Süffisanz wirkt der grüne Fraktionschef im Landtag, als habe er die komplexe politische Lage jederzeit im Griff. Nur nach außen hat sich das in den letzten Monaten nicht immer vermittelt. Bei dem Versuch einer Regierungsbildung in Wiesbaden wirkten die Grünen lange wie eine abhängige Größe, die sich von den Entscheidungen der anderen Akteure treiben ließ. Die Grünen waren wie selbstverständlich in das Vorhaben einer linken Regierungsbildung eingeplant.

Doch als politische Verfügungsmasse der hessischen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti möchten die Grünen beim zweiten Versuch einer Regierungsbildung nicht herhalten. Jetzt wollen sie bereits vor allen inhaltlichen Verhandlungen das Prozedere sichtbar mitbestimmen – und sich zugleich ihre endgültige Entscheidung vorbehalten. Denn bei den Grünen hat sich nach den Erfahrungen vom März einiges aufgestaut. Damals erfuhren sie am Vorabend der geplanten Koalitionsverhandlungen, dass Ypsilanti sich ihrer eigenen Fraktion nicht sicher war. Ein wenig gereizt fordern die Grünen deshalb die SPD jetzt auf, vor etwaigen Koalitionsverhandlungen erst einmal ihre "Regierungsfähigkeit" sicherzustellen. So gingen in der Vergangenheit gern die Sozialdemokraten mit ihren kleinen grünen Partnern um. Nun erklärt Tarek Al-Wazir, man werde sich nicht auf ein "Himmelfahrtskommando" einlassen. Als eine Art vertrauensbildende Maßnahme sollten SPD, Linke und Grüne in Probeabstimmungen erst einmal demonstrieren, dass der Einstieg in Verhandlungen überhaupt Aussicht auf Erfolg haben könne. Heide Simonis in Schleswig-Holstein hatte so etwas zuletzt versucht. Geholfen hat es ihr nicht.

Al-Wazir aber will das Chaospotenzial einer linken Minderheitsregierung wenigstens minimieren. Das wirkt wie die Quadratur des Kreises. Er will die im Westen noch nie erprobte Konstellation schon vor Beginn so kalkulierbar machen, dass sich die Grünen am Ende darauf einlassen können. Man erwarte von der Linken "verlässliche Aussagen, die über die Wahl der Ministerpräsidentin und die Bestätigung des Kabinetts hinausgehen". Natürlich sieht auch er die Ironie, die in dieser Vorsicht liegt. Schließlich waren es die hessischen Grünen selbst, die zu Beginn der achtziger Jahre nur zu einem Tolerierungsbündnis bereit waren, um Anspruch und Gestus einer prinzipiellen Opposition noch eine Zeit lang beibehalten zu können. So agiert nun die Linke, die politisch Einfluss gewinnen will, ohne sich von einer rot-grünen Koalition vereinnahmen zu lassen. Die Grünen fordern hingegen von den Linken "konkrete Zusagen" zum Landeshaushalt und zu weiteren zentralen Gesetzesvorhaben.

Aus den eigenen Erfahrungen heraus, sagt Tarek Al-Wazir, "verstehen wir die Prozesse, die bei den Linken gerade ablaufen, besser als die Linken selbst". Die Grünen sind erstaunt, wie schnell ihre möglichen Partner dazulernen. Und doch wagt Al-Wazir keine Prognose darüber, ob der Parteitag der Linken Ende August diesen Lernprozess nachvollziehen wird. Die Linke, so haben es die Grünen gerade beschlossen, müsse auf ihrem Parteitag "unter Beweis stellen, dass sie ernsthaft und verlässlich Verantwortung übernehmen kann und will". Andernfalls werde "die Vorbereitung einer Regierungsbildung enden, bevor sie begonnen hat". Nach Enthusiasmus klingt das nicht.

Doch selbst wenn alles gut läuft, wenn die Linke halbwegs berechenbar agiert, wenn Andrea Ypsilanti auch von ihrer eigenen Fraktion gewählt wird und das Minderheitsprojekt in Gang kommt, gehen die Grünen ein hohes Risiko ein. In Hessen wurde Mitte der achtziger Jahre der realpolitische Kurs grüner Regierungsbeteiligung erfunden und dann in der gesamten Partei durchgesetzt. Doch ausgerechnet in dem Augenblick, in dem sich die Grünen auch für eine Zusammenarbeit mit der Union zu öffnen beginnen, starten sie in Hessen ein linkes Regierungsprojekt. Natürlich weiß Tarek Al-Wazir, dass es wunderlich aussieht, wenn der einst linke Hamburger Landesverband mit der CDU regiert, während die hessischen Realos sich vielleicht bald schon von den Linken tolerieren lassen. Doch das ändere, versichert er, nichts an der Grundausrichtung der Partei. Man suche einfach "in den unterschiedlichen Situationen nach einer Mehrheit, die geeignet ist, unsere Ziele umzusetzen".

Der Versuch der vergangenen Monate, in Hessen einen Politikwechsel ohne Regierungswechsel zu erreichen, gilt bei den hessischen Grünen als gescheitert. Nun soll der Regierungswechsel doch noch gelingen. Die Grünen wollen es, bei aller Skepsis, ernsthaft probieren. Umso freier wären sie, im Falle des Scheiterns Neuwahlen herbeizuführen. Danach allerdings wäre für die Grünen in Hessen die linke Option wohl endgültig passé.