Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre ein Turnschuh. Ein bunter Schuh in verrückten Farben wie Pink, Lila oder Türkis, mit grellbunten Schnürsenkeln und einer schwarzen Sohle. Ich müsste mich dann einfach nur tragen lassen und sonst gar nichts weiter tun. Ich wäre meinem Träger vollkommen ausgeliefert und könnte keinen Einfluss darauf nehmen, wohin er mit mir geht. Aber genau das stelle ich mir aufregend vor. Ich könnte im weißen Sand auf den Malediven laufen oder über den heißen Asphalt in Los Angeles und müsste an nichts denken, käme aber trotzdem voran.

Wahrscheinlich würde ich auf diese Weise sogar Wege einschlagen, die ich sonst nicht gehen würde. Ich könnte die Welt aus einer neuen Perspektive sehen: von unten. Nebenbei wäre ich noch so etwas wie ein Spion, ein heimlicher Schatten. Ich würde die Leute bei ihrem Tun und Treiben beobachten, ohne dass sie es bemerken. Als Turnschuh wäre ich praktisch unsichtbar, bekäme aber trotzdem alles mit. Außerdem müsste man keine Angst mehr vor irgendwas haben, da man als Schuh ja keine Gefühle empfindet.

Klar, so ein Leben als Turnschuh ist nicht immer schön. Schließlich wird ständig auf mir rumgetrampelt, und ich würde erleben, dass man von den Leuten nicht beachtet wird. Oder mein Träger tritt vielleicht in einen Kaugummi, ohne sich um mich, seinen Schuh, zu kümmern. Aber ich hätte eine dicke Sohle und würde das eine Weile ertragen. Natürlich würde ich mir wünschen, dass ich meinem Träger so wichtig bin, dass er mich an einem Bordstein schnell wieder sauber macht.

So ein Leben als Schuh kann ich mir allerdings nur dann spannend vorstellen, wenn mich eine möglichst coole Person trägt. Am liebsten würde ich einen Fuß des Hip-Hop-Produzenten Pharrell Williams bekleiden. Ich würde richtig teure Autos wie in den Musikvideos sehen und viele prominente Leute kennenlernen, zum Beispiel Jay Z, einen von Williams’ besten Freunden. Ich wäre mitten in der Welt der Rapstars, zu der ich sonst keinen Zugang hätte. Man kennt mich nicht in den USA, höchstens Deutsche sprechen mich dort auf der Straße mal an.

Nachts wäre ich in Clubs unterwegs, an deren Türstehern ich nie vorbeikäme, allein schon deshalb, weil ich noch zu jung bin. Auf der Tanzfläche könnte ich als Turnschuh zwar ziemlich dreckig werden, aber das wäre mir egal. Außerdem hoffe ich einfach, dass Pharrell Williams jemand ist, der auf seine Schuhe aufpasst und sie abends ordentlich neben sein Bett stellt. Zumindest würde ich das so machen. Ich habe selber viele Schuhe und behandele sie gut.

Allerdings wäre ich wohl nur zwei Tage lang so nah bei Pharrell Williams, weil er sich dann wahrscheinlich schon wieder ein neues Paar Schuhe kaufen würde – und ich wäre ausgemustert.

Aufgezeichnet von Svenja Kleinschmidt