Exakt 111 Tage lang tauchte Peter Kurer ab. Ein paar Worte in einer Firmenpublikation, ein paar Sätze im Fernsehen – mehr war vom neuen Verwaltungsratspräsidenten der Schweizer Großbank UBS seit seiner Wahl Ende April nicht zu hören. Vergangene Woche, bei der Präsentation der Halbjahreszahlen, trat er wieder öffentlich auf, sichtlich verwandelt: Die Haare gestutzt, die markante Hornbrille durch eine mit dezentem Alurahmen ersetzt, die blassbraune Krawatte und der dunkelgraue Anzug unterstrichen das Bild des bescheidenen und ehrlichen Maklers.

Ja, er habe auch persönlich ein Signal setzen wollen, sagte Kurer auf Nachfragen. Die UBS sei ein Unternehmen mit einer stolzen Geschichte, das durch die Resultate der vergangenen zwölf Monate beschädigt worden sei, sagte er. Und: "Wir sind gewillt, unser Geschäft mit der höchsten Integrität und der stärksten Risikokontrolle zu führen." Kurers Marschrichtung: neue Struktur, Abbau der Handelsbestände, hartes Sparen. Er traf den Geschmack der Medien, Wörter wie Wandel und Neuanfang fanden sich in den Folgetagen in vielen Kommentaren. Zweifel am Gelingen des Vorhabens waren kaum zu hören.

Anders die Investoren: Sie ließen die Aktie zunächst fallen. Anfang dieser Woche notierten die Papiere der UBS bei knapp 14 Euro. Das entspricht nicht einmal mehr einem Drittel des Höchststands von Mitte 2007 – bevor die internationale Finanzkrise ausbrach. Allein 2008 hat die Aktie 55 Prozent ihres Werts verloren – von den 100 wertvollsten Unternehmen der Welt hat sich laut Reuters im selben Zeitraum nur ein einziges schlechter entwickelt. Und es stimmt nicht hoffnungsfroh, dass die UBS den vierten Quartalsverlust in Folge beichten musste: Umgerechnet 220 Millionen Euro hat sie zuletzt verloren, ohne Steuergutschrift hätte sie gar ein Minus von 2,5 Milliarden Euro ausweisen müssen.

Aus der UBS, dem wichtigsten Konzern der Schweiz, dem Aushängeschild der europäischen Bankenszene, ist binnen Jahresfrist der kranke Mann der europäischen Finanzindustrie geworden. Und ob die Bank, wie Kurer jetzt ankündigt, in eine neue Ära eintritt, ob sie tatsächlich auf Sanierungskurs geht – daran lässt sich zweifeln.

Es war Kurers Vorgänger Marcel Ospel, der den Anlegern rasches Wachstum und stolze Gewinne versprochen hatte. Er expandierte in Amerika, sprach gar davon, dass die UBS zur neuen Nummer eins der Wall Street aufsteigen werde. Mehrere Jahre ging der forsche Kurs gut, dann endete er im Totalschaden. Stand heute hat der US-Ausflug den Eigentümern knapp 30 Milliarden Euro an Abschreibungen beschert. Die Bank brauchte fast 20 Milliarden Euro frisches Kapital, um nicht pleitezugehen. Sobald wieder Gewinn anfällt, verteilt sich dieser auf mehr Aktionäre. Gewinnverwässerung heißt das im Jargon.

Unrühmliche Details, die der 59-jährige Kurer gern seinem Management um Vorstandschef Marcel Rohner überlässt. Kurer – lange Jahre der oberste Jurist der UBS und ein Mann ohne nennenswerte Erfahrung in der Führung von Großunternehmen – ist als Präsident der oberste Stratege der Bank. Er hält den tiefen Sturz längst für Geschichte. "Das Gröbste haben wir überstanden, schon rein mathematisch kann nicht mehr so viel anfallen", sagt Kurer im Gespräch. Und wenn die Krise weiter andauert? "Dann wird die Belastung im überschaubaren Rahmen bleiben."

Kernpunkt der neuen Ära soll die Abkehr von Ospels Modell einer integrierten Bank sein. Nachdem Kurer als loyaler Mitstreiter des UBS-Übervaters jahrelang dessen Vision verteidigt hatte, erkennt er nun im eng verschweißten Bankenkoloss mit mehr als 80000 Mitarbeitern überbordende Bürokratie und unklare Verantwortlichkeiten. Von Synergien in Milliardenhöhe, wie er sie selbst lange anpries, will er heute nichts wissen.