Das Gold, das am Horizont aufblitzt, ist noch neu. Grigorij Nemyria deutet aus dem Fenster seines Büros über die Kiewer Innenstadt hinweg auf die funkelnden Türme der Klosterkirche St. Michael. Vor ein paar Jahren erst haben die Ukrainer die orthodoxe Kathedrale wieder aufgebaut. "Die Bolschewisten haben sie in den dreißiger Jahren abgerissen", bemerkt der Vizepremierminister. "An ihre Stelle wollten sie eine riesige Stalin-Figur setzen, sie sollte weit über das Dnjeprtal blicken." Aus der gigantomanischen Idee wurde nichts; was blieb, war das erste Segment eines gewaltigen Rundbaus, der den Stalin-Platz umschließen sollte. Es beherbergt heute das ukrainische Außenministerium. Die riesige blaue Europaflagge, die über seine graue Fassade gespannt ist, ist selbst von hier aus noch zu sehen.

Vizepremier Nemyria ist gerade aus Georgien zurückgekehrt. Was er dort gesehen hat, hat ihn darin bestärkt, dass die Ukraine, sicherheitspolitisches Niemandsland zwischen Russland und der amerikanisch-europäischen Welt, eine klare Westbindung braucht. Aber Nemyria denkt dabei weniger an die Nato, das klassische Militärbündnis des Westens. Sondern am liebsten hätte er eine Art Sicherheitsgarantie der Europäischen Union. Am besten schon in den nächsten Wochen.

"Die Lehren aus Georgien lauten: Grauzonen sind gefährlich. Das Sicherheitsvakuum hat sich ausgedehnt. Die Ukraine befindet sich in diesem Vakuum." Nemyria, ein nüchterner Historiker, neigt nicht zu knalligen Parolen. Aber die Spannung ist ihm anzumerken. "Europa muss die Alarmzeichen ernst nehmen. Gefrorene regionale Konflikte können sich innerhalb weniger Tage zu großflächigen, wenn nicht gar globalen Konflikten ausbreiten." Seine Regierung, sagt er, habe daher die Absicht, "formellere Bande mit der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik" zu schließen. Was das genau bedeuten könne, darüber sei am besten während des EU-Ukraine-Gipfels am 9. September im französischen Evian zu sprechen.

Was ist das? Postsowjetische Paranoia? Der geschickte Versuch, auf der Schockwelle der kaukasischen Kriegsbilder in die EU zu reiten? Oder die berechtigte Sorge um Stabilität zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, die auch ein europäisches Interesse ist?

Die Ukraine ist nicht klein wie Georgien, sie ist ein 45-Millionen-Land mit einer langen Grenze zur EU, eine ehemalige Nuklearmacht mit einer entsprechend modern gerüsteten Armee von 130000 Soldaten (plus einer Million Reservisten). Ihre zum Teil russischsprachige Bevölkerung ist in der Frage eines Nato-Beitritts hochgradig polarisiert. Noch im Juni wollten nur knapp 18 Prozent der Ukrainer, dass ihr Land Mitglied des Westbündnisses wird, knapp 32 Prozent wollten damit lieber warten, bis alle Probleme in den Beziehungen zu Russland gelöst seien. Das ist der Grund dafür, dass Politiker wie Nemyria bei der Westbindung nicht an die amerikanisch dominierte Militärallianz denken, sondern an die EU.

Das Gewicht der Ukraine macht einen moskowitischen Klammerkrieg wie den um Georgien einerseits unwahrscheinlicher. Anderseits wäre er aus genau denselben Gründen wesentlich gefährlicher als die Panzerschlachten rund um Zchinwali.

Tatsächlich besitzt die Ukraine eine ähnliche Achillesferse, eine Art eigenes Ossetien. Es ist die Krim, jene Halbinsel im Schwarzen Meer, deren Einwohner zu etwa zwei Dritteln Russen sind. Zwar garantieren ihnen die Verfassung und der Status der autonomen Republik eine eigenständige Gesetzgebung; trotzdem klagen Russen immer wieder über "Zwangsukrainisierung". Hinzu kommt eine explosive Bevölkerungsmischung. In den vergangenen Jahrzehnten sind zwischen 300000 und 500000 Krimtataren in ihre Heimat zurückgekehrt. Diese sunnitischen Muslime waren während der Stalin-Zeit deportiert worden, weil man ihnen vaterlandsverräterische Gesinnung vorwarf. Die heutigen Heimkehrer bringen ein doppeltes Manko mit; sie gelten als proukrainisch, und für ihre wirtschaftliche Wiedereingliederung fehlt es an Arbeitsplätzen. "Sollte Moskau nach einem Vorwand suchen, ›seine‹ Bürger zu beschützen, auf der Krim fände es ihn", sagt Mykola Riabchuk, einer der prominentesten politischen Autoren der Ukraine. "Ihre Bewohner sind die mit dem ausgeprägtesten russischen Nationalismus im ganzen Land."