Und jetzt? Was soll jetzt noch kommen nach zwei Olympiasiegen und dem größten Erfolg für den deutschen Schwimmsport seit 20 Jahren? Britta Steffen weiß es selbst nicht so recht. Schon beim zweiten Mal ganz oben auf dem Treppchen, nach ihrem Sieg über 50 Meter Freistil, war es ja nicht mehr so schön wie bei der Premiere, der Goldmedaille für die doppelt so lange Strecke. "Es tritt da so ein Gewöhnungseffekt ein", sagt sie. Die Hymne hat sie mitgesungen, zumindest teilweise, ansonsten zupfte sie an den Ärmeln ihrer Trainingsjacke und schien nicht genau zu wissen, was sie da oben tun solle, weinen oder lachen. Sie entschied sich gegen die Tränen.

Für alle anderen Entscheidungen ist es zu früh. Etwa die, ob sie, die 24-Jährige, weitermachen will oder kann. Jetzt kommt erst einmal gar nichts, Urlaub, treiben lassen. Nur eins steht fest: Auf keinen Fall wird sie es machen wie die Frau, die sie gerade mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung geschlagen hat, die Amerikanerin Dara Torres. Die ist 41 Jahre alt, nimmt an ihren fünften Olympischen Spielen teil und gewinnt drei Silbermedaillen. Mit ihr hatte sich Britta Steffen vor dem Rennen noch darüber unterhalten, wie es wohl sei, Mutter zu sein. Torres, die eine zweijährige Tochter hat, sagte: Schön, aber schwerer als 200 Meter Freistil. "Und das ist für uns Sprinter die Horrorstrecke!", sagt Britta Steffen. Familie kann sich die Deutsche trotzdem vorstellen, aber im Jahre 2025 noch professionell zu schwimmen – niemals.

Britta Steffen hat alles erreicht, was sich eine Schwimmerin zum Ziel setzen kann: Olympiasieg, Weltrekord, Europarekord, deutsche und kontinentale Titel en masse. Für sie war die mentale Anstrengung auf dem Weg dorthin immer größer als die körperliche. Welche Aufgabe in einem Schwimmbecken könnte nun so reizvoll sein, um noch einmal den Kampf mit sich selbst aufzunehmen? Sie könnte versuchen, den Weltrekord zurückzuholen. Aber sie hatte ihn schon einmal. Sie würde vielleicht auch gerne mal eine Staffelmedaille bei Olympia gewinnen, weil sie sich immer als Teil einer Mannschaft gesehen hat. Aber das liegt nicht allein in ihrer Hand. Ihren Ehrgeiz auf andere Strecken und Stile auszudehnen, das wird der Freistilspezialistin nicht mehr gelingen. Bliebe der Versuch, ihre Titel in vier Jahren zu verteidigen, bei den Spielen in London 2012. Aber die Gefahr des Scheiterns ist groß, so groß wie Britta Steffens Furcht, sich zu sehr in das höchste denkbare Ziel zu verbeißen. "Wenn es dann nicht klappt, bricht vielleicht alles zusammen, was ich mir bisher aufgebaut habe. Und das will ich nicht zusammenstürzen sehen, weil das was ganz Großes ist."

Was also tun?

Dreimal schon hat sich die Schwimmerin Steffen neu erfunden: 2004, als sie sich nach den enttäuschenden Spielen von Athen für ein Jahr in ein schwimmfreies Studentenleben stürzt, um dann neu motiviert zurückzukommen. 2006, als sie nach dem Weltrekord bei der Europameisterschaft in Ungarn ein neues Ziel sucht. "Mein Antrieb bis Budapest war: Mir und anderen etwas beweisen zu wollen. Danach kam eine große Selbstzufriedenheit." Erst die Aussicht auf eine Goldmedaille in Peking und der Verlust des Weltrekords im März 2008 scheuchte sie wieder richtig auf. "Als der Rekord weg war, hab ich mich erst mal ganz klein gefühlt."

Aber Britta Steffen ist eben nicht nur der "Psycho", wie sie selbst sagt, sondern auch ehrgeizig. "Mein Antrieb hieß dann: Ich will die Beste bleiben. Das ist der Spaß beim Wettkampf. Sich stellen ist das Schwierige, macht aber das Leben spannend. Das würde mir fehlen, wenn ich 2006 aufgehört hätte."

Die dritte Neuerfindung der Britta S. findet erst in Peking statt, als die Wettkämpfe bereits begonnen haben. Bleichweiß wie ihr Deutschlandtrikot ist sie nach dem Halbfinal-Aus der 4 mal 100 Meter Freistilstaffel, und es sieht so aus, als wären die Selbstzweifel wieder da, die sie so lange lähmten. Bei ihren ersten beiden Olympiateilnahmen dachte sie noch auf dem Startblock: Reicht das überhaupt? Mit so einer Einstellung kann sie "nüscht jewinnen", das ahnt sie selbst. Aber erst durch die Berliner Psychologin Friederike Janofske, die mit ihr die Niederlagen "durcharbeitet", erkennt Steffen, dass das wirklich "Schwachsinn" ist. Eine seiner kostbaren Akkreditierungen hat der Deutsche Schwimmverband der Psychologin für Peking gegeben, und die schafft es, die Staffel-Geister zu vertreiben. "Wenn alle von dir eine Medaille erwarten, wird das sowieso nix – das ist mein Glaubenssatz", hatte Steffen kurz vor Beginn der Wettkämpfe gesagt, "und den versucht meine Psychologin aus meinem Kopf rauszukriegen. Man schwimmt nicht gegen jemanden, sondern für sich, und dann muss man sehen, wozu es reicht."