Der Tag, an dem Ryan Pini schneller ist als der beste Schwimmer aller Zeiten, ist ein großer Tag für Papua-Neuguinea. Es gibt zwar nur ein 50-Meter-Becken auf der pazifischen Insel, Baujahr 1961, und das ist seit geraumer Zeit geschlossen, weil das Geld für den Unterhalt fehlt. Doch Ryan Pini, geboren und aufgewachsen in Port Moresby, der Inselhauptstadt, steht trotzdem hier, auf dem Startblock mit der Nummer 8 im olympischen Schwimmstadion von Peking. Und drei Bahnen rechts von ihm steht Michael Phelps.

Dies ist nicht irgendeiner von jenem Dutzend belangloser Vorläufe, für die das Olympische Komitee Freifahrtscheine verteilt. Vor acht Jahren, in Sydney, wurde so ein Rennen weltberühmt, weil da Eric "der Aal" Moussambani aus Äquatorialguinea verzweifelt gegen die Uhr und das Ertrinken kämpfte. Leute wie Ryan Pini erinnern sich nicht gern an diesen Tag. Sie wollen nicht als lustige Exoten, als folkloristische Garnitur der Kommerzshow namens Olympia wahrgenommen werden. Bei Ryan Pini aus Papua-Neuguinea geht es um großen Sport. Er steht im Finale über 100 Meter Schmetterling.

Schon jetzt sind diese Spiele für Ryan Pini mehr als ein wahr gewordener Traum. Vor vier Jahren war er bereits in Athen dabei, kam dort aber nicht über die Vorläufe hinaus. Diesmal beginnt alles damit, dass er bei der Eröffnungsfeier die Fahne seines Landes tragen darf, fünf Sterne auf schwarzem, ein Paradiesvogel auf rotem Grund. Insgesamt sieben Athleten hatten sich darunter versammelt. "Wir kamen an Position 38. Schon im Tunnel auf dem Weg ins Stadion haben all die Freiwilligen uns zugejubelt. Draußen war es dann…" Der sonst um kein Wort verlegene Pini zögert einen Moment, als er später davon erzählt. "Überwältigend. Schwer zu erklären." Auf Papua-Neuguinea ist er ein Star, spätestens seit er bei den Commonwealth-Spielen eine Goldmedaille gewonnen hat. "Manchmal ist es ein richtiger Schock, zu sehen, wie wichtig man für die Leute ist. Aber es ist etwas Besonderes, so ein kleines Land zu repräsentieren, die Wärme zu spüren, die einem alle Landsleute entgegenbringen."

Auf der Tribüne des Wasserwürfels recken seine Mannschaftskollegen jetzt riesige Klatschgummihände in den Landesfarben in die Höhe. 204 Nationen nehmen an den Spielen teil, so viele wie nie zuvor, zwei Drittel davon haben bislang keine Medaille gewonnen. Doch all diese Athleten sind für Olympia mindestens so wichtig wie der Superstar Michael Phelps; sie erst bilden das, was das IOC so gern die "olympische Familie" nennt. Erst wenn sie alle mitmachen, hinterherlaufen, hinterherspringen, entsteht für zwei Wochen diese "eine Welt", die als Motto über der ganzen Veranstaltung steht. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die Kleinen helfen mit, den Spielen zu geben, worauf heute kein weltweit vermarktetes Produkt mehr verzichten kann – Werte. Dafür bekommen sie globale Aufmerksamkeit.

Aber dass die Chancenlosen, die nur dabei sind, die besseren Olympier seien, unverdorbener, aufrichtiger – das empfindet niemand so im Team von Papua-Neuguinea. Wer bei Olympia mitmache, sei ein echter Olympier, ob er nun Phelps oder Pini heiße. Obwohl es nicht leicht war, Tickets zu bekommen, ist es dem Team gelungen, nicht nur die sieben Papua-Neuguineer und ihre Betreuer in den Wasserwürfel hineinzubekommen, sondern Vertreter aller Länder Ozeaniens. Mehr als ein Dutzend sind das, die coconut countries, sie fühlen sich als Familie, wohnen zusammen im olympischen Dorf, teilen die knappen Ressourcen, die Autos zum Beispiel – so haben sie mehr Fahrzeuge zusammenbekommen als der große Bruder Australien. Und Ryan Pini ist so etwas wie der Sprecher dieser Familie.

Der Startschuss fällt. Nach 23,96 Sekunden wendet Ryan Pini – acht Hundertstel vor Michael Phelps.

Ryan Pini zog zum Trainieren nach Australien

Hart hat er dafür trainiert, so weit zu kommen, neun Wasser-Einheiten pro Woche, dazu Gymnastik und Krafttraining. Fürs Schwimmen ist Pini vor acht Jahren ins australische Brisbane gezogen. In Peking wollte er persönliche Bestzeit schwimmen, das hat er schon im Halbfinale geschafft, 51,62 Sekunden, anderthalb Sekunden schneller als in Athen. Die coconut countries auf der Tribüne schreien sich heiser.

Eigentlich müsste auch Itte Detenamo unter ihnen sein, der stärkste Mann des Pazifiks. Eine gewichtige Unterstützung könnte er sein für Ryan Pini, exakt 149 Kilo schwer. Aber Itte Detenamo muss trainieren. Sein Wettkampf ist erst in drei Tagen, Gewichtheben, die Klasse über 105 Kilogramm.

Itte Detenamo hat den vielleicht schwersten Job dieser Spiele. Nicht weil er versuchen will, seine persönliche Bestleistung von 175 Kilogramm im Reißen und 212 Kilogramm im Stoßen zu verbessern. Dafür hat er sich akribisch vorbereitet. Was er nicht üben konnte, war, ein Unikat zu sein. Itte Detenamo ist der einzige Athlet dieser Spiele, der ganz allein ein ganzes Land zu vertreten hat. Nun gut, Nauru ist nicht groß, 21,3 Quadratkilometer, 12500 Einwohner. Aber selbst das ähnlich kleine Tuvalu, das erstmals überhaupt bei Olympischen Spielen vertreten ist, hat drei Athleten geschickt. Doch Nauru ist eine stolze Sportnation, die keine Startplatzalmosen will. Nur konkurrenzfähige Athleten sollten sich auf die 20 Stunden lange Reise nach Peking machen. Da kam nur Itte infrage.

Natürlich war er der Fahnenträger in Peking, wer sonst. Itte Detenamo mag der einzige Athlet seines Landes sein, einsam ist er nicht. Naurus Abenteuer Olympia ist eine Familienangelegenheit, Ittes Vater Vincent ist auch in Peking, er ist der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der Insel. Und dann ist da noch Yukio Peter, Ittes Cousin, auch er ein talentierter Gewichtheber, der an Ittes Seite Erfahrungen sammeln und ihm Gesellschaft leisten soll.

Manchmal wird er gefragt, wovon "die da unten" leben

Itte ist ein Mann wie aus hundert prallen Schinken zusammengesetzt. Auch wenn man fürchtet, die eigene Hand nach der Begrüßung aus seinen Pranken nicht unversehrt zurückzubekommen – manchmal möchte man den Arm schützend um seine Schultern legen (falls man denn herumkäme). Wenn er zum Beispiel wieder mal gefragt wird, wo Nauru eigentlich liegt oder wovon "die da unten" leben. Er kämpft dann mit den Wörtern, als seien sie die Gewichte, die sein Leben sind. In Ozeanien jedenfalls könnte er der nächste golden boy von Nauru werden, der zweite nach Marcus Stephen, der das Gewichtheben aus Australien mit auf die Insel gebracht hat. Stephen gewann wurde Zweiter bei Weltmeisterschaften und nahm dreimal an Olympischen Spielen teil. Inzwischen ist Gewichtheben der Nationalsport auf Nauru, 100 Kinder trainieren regelmäßig, auch Ittes jüngere Schwester Michaela. Marcus Stephen hat übrigens keine Zeit mehr fürs Gewichtheben. Er ist jetzt der Präsident von Nauru.

Als Itte Detenamo die große Turnhalle in Peking betritt, steckt er in einem lila Einteiler wie in einer Vakuumverpackung. Seine Gegner sind im Schnitt einen Kopf größer als er und kommen aus Tonga, von den Cook Islands, aus Deutschland. Itte hat in den Tagen zuvor versucht sich nicht ablenken zu lassen, er hat viel geschlafen, am Computer gespielt und gegessen, Fisch vor allem, auch Chinesisches. Nur Kokosnüsse hat er keine gefunden.

Nach einem kurzen Blick zum Hallenhimmel meistert er im Reißen 175 Kilogramm. Beim Stoßen stecken zuletzt drei rote und eine blaue Scheibe auf jeder Seite der eisernen Stange, macht 215 Kilo. Aber das ist noch zu viel für Itte Detenamo. Am Ende schafft er insgesamt 385 Kilogramm, es ist die persönliche Bestleistung, die er sich vorgenommen hat, sie reicht für Platz 10. Jetzt wird er sich noch ein wenig in Peking umschauen und dann wieder die Fahne ins Stadion tragen. Denn es soll nicht so kommen wie bei den Spielen 1996. Da musste ein Funktionär Naurus Flagge hochhalten, weil alle Athleten schon abgereist waren. Nach Disneyland.

Am Ende ist Ryan Pini übrigens doch nicht schneller gewesen als Michael Phelps. Anderthalb Sekunden verliert er noch auf der zweiten Bahn und wird schließlich Achter. "Ich muss mein Rennen weiter verbessern, in Kleinigkeiten, aber das ist das Schwierigste", sagt er. Das würde Michael Phelps nicht anders sagen.