Wie es wohl aussah, als der Kapitalismus nach China kam? Jetzt ist er jedenfalls da, und die Leute stehen sich die Beine in den Bauch, um in sein Herz zu schauen. Endlos ist die Schlange, die sich vor dem Coca-Cola Shuang Experience Center auf dem Pekinger Olympiagelände schon am frühen Morgen gebildet hat. Shuang heißt so was wie cool, klasse, obertoll. Gnadenlos brennt die Sonne herab, aber die Menschen sind fröhlich unter ihren Regenschirmen, die sie nun als Sonnenschutz benutzen.

Es ist nicht ganz leicht herauszufinden, welche Obertollheit der Brausehersteller in diesem gewaltigen Pavillon präsentiert. Journalisten werden erst mal um die Ecke gebracht, zur Media Lounge, wo sie registriert und mit einem VIP-Ticket ausgestattet werden. Damit kommen sie in die VIP-Lounge, naturgemäß. Aber wofür stehen die Leute da draußen an? "Consumer experience" hatte die Dame mit dem Ticket gesagt, ein Kundenerlebnis. Ob ich das wirklich sehen wolle oder nicht bloß für die kostenlos verteilten Getränke gekommen sei?

Dann öffnet sich doch die unscheinbare graue Tür. Die Welt an Körper, Geist und Seele erfrischen wolle die Firma, steht in einer Art Präambel an der Wand. "Mit unseren Marken inspirieren wir Augenblicke des Optimismus und schaffen Werte." Und worin bestehen diese Werte? Offenbar in Dosen, Flaschen, Jacken, Anstecknadeln, im Lauf der Jahrzehnte immer wieder anders gestaltet. So lautet die Antwort jedenfalls im ersten Raum, der Olympic Heritage Gallery, wo allerlei Olympia-Memorabilia mit dem einschlägigen Firmenlogo ausgestellt werden wie Hostien in der Monstranz. Für die Spiele 2008 wurde eigens eine Dose entworfen, die das Shuang-Gefühl in 151 Länder der Welt tragen soll. Und was ist das nun genau?

Das lernt man im Red Passion Theatre. Im puffroten Licht nehmen die Besuchertrupps, die hier im Fünfminutentakt durchgepumpt werden, auf ein paar Stehrängen Aufstellung und bekommen auf einer großen Leinwand eine Breitseite Nationalstolz verpasst. Zu den Trommelschlägen, die schon die Eröffnungsfeier dieser Spiele grundierten, kommen Chinas größte Sportmomente auf das Publikum nieder wie das Pfingstfeuer, der legendäre Sieg der Volleyballerinnen über die USA zum Beispiel bei den Spielen 1984 in Los Angeles. Der amerikanische Konzern hat Chinas berühmteste Sportler verpflichtet, jedermann, zu allererst aber den Chinesen selbst einzubimsen, was Sache ist: dass China ein stolzes, modernes, schönes Land ist. Shuang eben. China ist ein Zustand, in dem das Herz sich froh fühlt. Wie der Augenblick, wo der Wanderer die Spitze des Berges erreicht und die Brise spürt. So klar, wie es sich die kommunistische Partei nie trauen würde, sagen die Bilder des US-Konzerns: Shuang ist, wenn China gewinnt.

Aber noch ist die Verschmelzung der roten Fahne mit der roten Marke nicht ganz vollendet. Animateure säumen den Weg und fordern die staunend vorantaumelnden Massen auf, doch mitzuklatschen bei ihrer allfälligen Verwandlung von Chinesen in Kunden. Die nächste Station erinnert dann an den Saal, in dem im British Museum die Mumien aufbewahrt werden. Effektvoll beleuchtet, werden hier drei Dutzend mannshohe Skulpturen ausgestellt, Ergebnisse des Coca-Cola Art Battle Contest in allen Provinzen Chinas. 33765 Werke wurden für diese "grundstürzende Kampagne" eingereicht, bei der jedermann seinen Enthusiasmus und seinen Lokalpatriotismus zeigen konnte, indem er die berühmte Cola-Flasche individuell gestaltet. Sogar ein Tibeter durfte ein bisschen Regionalfolklore spenden für den globalen Konzern.

In ideologisch klarer umrissenen Zeiten nannte man so eine volltönende Inszenierung wohl Propaganda. Aber wie heißt das, wenn eine Firma dem Staat dieses Geschäft zum Zwecke der Gewinnmaximierung abnimmt? Zum Schluss werden die chinesischen Besucher im "Planetenflur" mit dem Hochglanzlack der ökologischen Korrektheit versiegelt. Eine Wand mit Athleten-Autogrammen reißt noch einmal die Aufmerksamkeit des Publikums hoch. Jeder Unterzeichner verpflichtet sich, während der Olympischen Spiele seine Flaschen artig zu recyceln – macht angeblich 350000 Flaschen in zwei Wochen. "Jeder Mensch hinterlässt Spuren auf dem Planeten. Bei Coca-Cola sind wir verantwortungsbewusste Weltbürger." Und wer Cola trinkt, wird es demnach auch. Er saugt das Gute förmlich in sich auf.

Zuletzt wird dem zum Kunden geläuterten Exkommunisten die Kommunion gespendet: eine Flasche für jeden, und zwar umsonst. Draußen ist die Schlange inzwischen weiter angewachsen. Zahlreiche Helfer in roten T-Shirts sorgen für Ordnung unter den Wartenden. Und fächeln ihnen ab und an Luft zu. Christof Siemes