Jetzt mal halblang, Freunde. Das ist nicht euer Ernst. Nicht diese Gefängnispritsche da unten. Dieser Segeltuchstreifen in der lotrechten Felswand, 20 Meter unter meinen Schuhsohlen und 400 Meter über dem Tal! Doch, genau das ist er. Unser voller Ernst. Mit jedem Ruck scheinen Reini und Wolfgang mir das zurufen zu wollen. Die beiden stehen auf dem Gipfel des Falkensteins und lassen mich am Seil hinunter. Gerade sind sie aus meinem Blickfeld verschwunden, und ich hocke in einem Hüftgurt über dem Nichts. Nach und nach wuchte ich mich mit den Oberschenkeln in die Tiefe. Wumm. Tak. Wumm. Tak. Schau auf deine Hände, deine Beine, glotz nicht in den Abgrund, konzentrier dich! Immer atemloser peitscht eine innere Stimme auf mich ein. Dann sehe ich Tom. Mit seinem pflaumenblauen Helm hängt er unter mir in der Wand und dirigiert mich auf diesen fliegenden Teppich. Ein grotesk dünnes Stückchen Nylon, das in einen rechteckigen Alurahmen gespannt ist. Wer darauf sitzt und hinunterfällt, fliegt 140 Meter durch die Luft, bis er zum ersten Mal aufschlägt. Doch Tom und ich wollen nicht nur sitzen. Wir wollen darauf schlafen. Das Ding ist heute Nacht unser Bett.

Tom fragt, ob ich außen liegen will. Ich versuche, cool zu lächeln

Tom Osterried, Reini Blöchl und Wolfgang Mayr von der Ostallgäuer Bergführervereinigung Altissimo betreiben in Pfronten einen Waldseilgarten, in dem man auf verschieden hohen Parcours zwischen Tannen balanciert. Seit einiger Zeit bieten sie auch Übernachtungen in Baumkronen an. Dazu verwenden die staatlich geprüften Bergführer Hängebiwaks, die nun auch dort zum Einsatz kommen sollen, wo sie eigentlich hingehören: an Steilwänden im Gebirge. Die zusammensteckbaren Pritschen heißen Portaledges und zählen sonst zur Ausrüstung von Big-Wall-Kletterern. In der Königsdisziplin des Klettersports durchsteigt man rund 1.000 Meter hohe Wände wie die Granitmauern des El Capitan im kalifornischen Yosemite-Nationalpark oder die des patagonischen Fitz Roy. Die Monolithen ragen in den Himmel wie aufgestellte Autobahnen. Sie bieten keinerlei Felsvorsprünge oder Bänke. Übernachtungen sind darum nur in Portaledges möglich. Einige Big-Wall-Routen sind so gewaltig, dass Seilschaften die vertikalen Steinwüsten fast drei Wochen lang nicht verlassen und später den aufrechten Gang erst wieder lernen müssen. Mir reicht eine einzige Nacht in der Senkrechten. Bei Tom, Reini und Wolfgang kann man sie buchen – auch als Kletterlaie. Ich bin ihr erster Kunde.

Als ich meinen Fuß auf das Portaledge setze, zucke ich zurück. Es ist ein wenig, als trete man auf eine schwimmende Luftmatratze. Stabil wird das schwebende Feldbett erst, als Tom und ich mit unserem ganzen Gewicht nachrücken. Mein Kopf fühlt sich an wie unter Hypnose. Dennoch bin ich hellwach. Wir klinken die Karabiner unserer Rucksäcke und Hüftgurte in einen der vier Haken, die zehn Zentimeter tief im Fels stecken. Sie sind durch Seile miteinander verbunden, das sichert uns mehrfach ab, sollte ein Haken herausbrechen. Aber muss denn unser Bett von nur einem einzigen getragen werden? Von einem Klebehaken, der so klein ist, dass man ihn fast verschlucken könnte? "Der trägt locker ein Auto", beschwichtigt Tom. "Zweieinhalb Tonnen, kein Problem." Ich zerre ein bisschen an einem der vier Spanngurte, die von den Enden des Alugestänges zum Haken führen. "Total sicher", sagt Tom.

Ich glaube es ja. Aber was nützt das, wenn die Übermacht der Tiefe alle Sehgewohnheiten verdreht und das Gehirn zum Narren hält? Wenn die Falken plötzlich 100 Meter unter einem durch die Luft segeln, die Baumspitzen nahe der Wand wie grüne Bajonette zu uns hinaufdrohen und der Atem flach bleibt? Nur mühsam kann ich die Frage verscheuchen, was ich hier eigentlich verloren habe.

Später ordnen wir unsere Schlafsäcke und stellen uns dabei an wie Hunde, die ihre Körbchen für die Nacht zurechtscharren. Das zwei Meter lange Portaledge ist nur 1,30 Meter breit. Als Tom sich hinkniet und in seinem Rucksack wühlt, neigt es sich ächzend zur Seite. Dann fragt er mich, ob ich außen schlafen will. Mein Versuch, cool zu lächeln, misslingt. Ich wähle den Platz an der Wand.