Kalojew ist fort. Heute Morgen kurz vor acht, silbergraue Sportschuhe an den Füßen, schwarze Hose, schwarzes Hemd, setzte er sich ins Auto, einen Dienstwagen des Bauministeriums der russischen Republik Nordossetien, Kennzeichen A928MK 15 RUS, und fuhr in den Krieg.

Seine Tasse, halb voll, steht noch hier, im Schrank die Plastik, die er vor Monaten, heimgekehrt aus dem Schweizer Knast, verehrt bekam, ein Bronzekrieger mit gekreuzten Säbeln über grimmigem Haupt: Witalij Kalojew, geboren am 15. Januar 1956, Ossete des Jahres 2007.

Daneben die Tabletten gegen den Bluthochdruck.

Er ist kein schlechter Mensch, weint Soja, Kalojews älteste Schwester, eine Großmutter, die ihren Mann während Wochen verlässt, um Kalojew das Frühstück zu machen, die Wäsche, den Haushalt, den kleinen Garten vor dem mächtigen, hohen Haus. Er ist, weint Soja in der Küche ihres berühmten Bruders, gut und wild.

9. August 2008, Samstag, ein heißer, staubiger Morgen in Wladikawkas, Nordossetien.

Hinter den Bergen, in Südossetien , das zum Staat Georgien gehört, ist Krieg, Kalojew, stellvertretender Bauminister seit einem halben Jahr, eilt im Dienstwagen der Marke Wolga durch den Kaukasus, seinem Stamm zu helfen.

Es gehört sich so.

Soja weint: Wenn ihn jemand je zur Vernunft brachte, dann seine Swetlana.

Swetlana Kalojewa, geborene Gagojewa, und ihre zwei Kinder, Konstantin, elfjährig, und Diana, vier, stiegen am Abend des 1. Juli 2002, einem Montag, auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo in ein Flugzeug der Bashkirian Airlines, Flugnummer 2937. Sie waren unterwegs, ihren Mann und Vater zu besuchen, Witalij Kalojew, den sie neun Monate lang nicht mehr gesehen hatten, Kalojew, Bauingenieur und Architekt, lebte seit anderthalb Jahren in Barcelona , führte dort den Bau einer Villa am Meer, die ein reicher Landsmann sich leistete.

Fast hätten sie den Flug verpasst, Diana, die Kleine, hatte sich im Flughafen verlaufen, war mit einem Mal verschwunden gewesen, hatte dann plötzlich wieder neben ihrer Mutter gestanden, weinend vor Angst.

Im Flugzeug, das aus Ufa kam, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Baschkirien, saßen bereits wenige Frauen und Männer und Dutzende Kinder, beste Schüler, die zum Lohn nach Spanien in den Urlaub durften. Um 22.48 Uhr, mit achtzehn Minuten Verspätung, hob die Maschine ab, eine Tupolew 154, 69 Menschen darin – vorgesehene Flughöhe 36000 Fuß.

Zwei Stunden später, um 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit, startete im italienischen Bergamo ein Frachtflieger der Firma DHL in Richtung Brüssel, eine Boeing 757, Flugnummer 611, zwei Menschen darin – vorgesehene Flughöhe 36000 Fuß.

Der Himmel über dem Bodensee wurde bewacht von der Skyguide AG, einem Privatunternehmen, das zu 99 Prozent der schweizerischen Eidgenossenschaft gehört. Wie üblich bei dieser Firma, saß ab 23 Uhr ein einziger Lotse vor den Kontrollschirmen, ein zweiter schlief im Pausenraum. Wartungsarbeiten waren im Gange, Haupttelefon- und Hauptradarsystem ausgeschaltet, das Reservesystem, zwar weniger leistungsfähig, war in Betrieb.

Um 23.21 Uhr empfing der Lotse in Zürich den ersten Funkspruch der Boeing, drei Minuten später den Anruf eines verspäteten Airbus der Aero Lloyd, der in Friedrichshafen sofort landen wollte, wieder sieben Minuten später die Ansage der russischen Tupolew auf ihrer Reise nach Barcelona. Der Lotse, vor vier Bildschirmen sitzend, rollte auf seinem Stuhl hin und her, zwei Meter Weg, sprach in verschiedene Mikrofone, versuchte, den Airbus zu landen, die Boeing und die Tupolew zu leiten. Hin und her. Schließlich erkannte er die Gefahr einer Kollision und befahl den russischen Piloten, ihre Maschine abzusenken, von 36000 auf 35000 Fuß, das automatische Warnsystem in der Kanzel der Tupolew verlangte das Gegenteil – man vertraute dem Lotsen.

Und auch die Boeing, von ihrem Warnsystem dazu gedrängt, war bereits im Sinkflug.

Das Unmögliche geschah bei Überlingen um 23.35 Uhr und 32 Sekunden, zwei Flugzeuge und 71 Menschen fielen elf Kilometer tief, Swetlana, Konstantin, Diana.

Die Jahre, weint Soja am Küchentrog, die er mit Sweta verbrachte, war er anders als sonst.

Ruhig war er, sagt Soja, normal.

Sie spült sein Geschirr, wischt sich mit dem Rücken ihrer Hand die Tränen weg. Der Fernseher lärmt, nichts als Krieg und Panzer, die südwärts nach Georgien rollen, um dort die ossetischen Brüder zu schützen, überfallen von georgischen Barbaren.

Das Telefon schellt, Soja lügt, sie wisse nicht, wo der Bruder sei, wahrscheinlich im Ministerium am Platz der Freiheit, wo sonst?, er arbeite so viel, zu viel, seit er wieder Arbeit habe, auch samstags, ja, Gott sei gepriesen, dass Witalij Arbeit hat, ohne Arbeit wäre er noch trauriger, verloren in schwarzen Gedanken.

Kalojew, im Flughafen von Barcelona, 2. Juli 2002, begann zu wimmern, als jemand ihm sagte, das Flugzeug, auf das er warte, komme nie mehr. Er setzte sich auf eine Bank, legte den Kopf in beide Hände, wiegte den Oberkörper vor und zurück, eine Stunde lang. Endlich sagte man ihm, wo Überlingen ist, Süddeutschland, Kalojew, mit der ersten Maschine am Morgen, flog nach Zürich. Ein Mann stand in der Ankunftshalle, ein Schild vor der Brust, ÜBERLINGEN in kyrillischer Schrift, der Flughafenpfarrer, neben sich eine Dolmetscherin. Im Taxi fuhren sie nach Überlingen am Bodensee, erreichten den Ort gegen 15 Uhr, ein sonniger Tag.

Seine Frau Sweta war der Fluss, aus dem Witalij trank, sagt Soja.

Soja seufzt: Hätten sie damals das Flugzeug verpasst, wäre er jetzt nicht im Krieg.

Das russische Fernsehen schreit die humanitäre Katastrophe heraus, georgische Schurken, eiskalt, knallten verletzte russische Friedenssoldaten ab.

Das Telefon. Nein, Witalij ist nicht hier.